Übertragene Ruinen: Byron, Hemans, Keats [chapter]

Angela Esterhammer
2010 Übertragene Anfänge  
Um 1800 nahm die translatio imperii in Europa vielfach die Gestalt einer translatio ftagmentorum imperii an. Bei diesen Fragmenten handelte es sich um Überreste antiker Skulpturen, und ihre translatio bestand im buchstablichen Akt ihrer Überführung von Athen ader Ram nach London ader París. Zwei causes cétebres stehen beispielhaft fur diese ziemlich krude Form der Übertragung:die Ausstellung von Napoleons italienischt;:r Beutekunst im Louvre und die Entfernung griechischer Skulpturen von der
more » ... opolis durch Lord EIgin, der im Jahr 1816 seine riesigen Marmorfragrnente dem britischen Staat verkaufte. Diese Ereignisse und ihre beunruhigenden imperialistischen wie asthetischen Implikationen waren in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Gegenstand hitziger Debatten in Politik, Presse und Literatur. Im folgenden mochte ich mich auf den vielfach diskutierten Fali der Elgin Marbles und seine Relevanz für das Thema der "Übertragenen Anfange" anhand ausgewahlter Texte von Joho Keats"Felicia Hemans und insbesondere von Lord Byron konzentrieren. Byron vergleicht die Plünderung von Kunstschatzen besetzter Lander mit der Erbeutung von Trophaen durch die R6mer und der darnit verbundenen Praxis festlicher Triurnphzüge bei deren Heimkehr in die Hauptstadt des Imperiurns; Elgins Vorgehen dagegen charakterisiert er als eine entwertete Form dieses klassischen Paradigmas. Moderne Trophaen, wie sie die Elgin Marbles darstellen, werden durch Verhandlung und Bestechung erworben, als Souvenirs oder Museumsobjekte zu Bedarfsgegenstanden und durch rnoderne Medien der Offentlichkeit zuganglich gemacht. Wahrend Byron die Entfernung antiker Ruinen ablehnr und in seinem dichterischen Werk versucht, alternative Forrnen geschichtlicher und asthetischer Erfahrung zu ermõglichen, ist er sich doch zugleich seiner eigenen Komplizenschaft mit den Begehrens-wie den Marktstrukturen des modernen 6konomischen Weltreichs bewuRt. In seiner Verurteilung von Elgins Vorgehen, verbunden mit den rhetorischen Strategien seiner Dichtung, legt Byron die Grundlagen imperialer Figurationen im 19. Jahrhundert frei und setzt sie damit zugleich von ihren antiken Entsprechungen ab. 1801 begann Lord EIgin, im groEen Stil Bruchstücke von Statuen, Friesen und Basreliefs von der Akropolis zu entfernen und sie nach London zu verschiffen, wobei er Kapital aus seiner Position als britischer Botschaher in Konstantinopel schlug. Nachdem die Marmorskulpturen fur einige Zeit in einem Lagerhaus in der Nahe von Piccadilly und Park Lane ausgestellt worden waren, kaufte sie die britische Regierung und lieR sie ins British Museum überführen, wo sie sich bis heute befinden. Die Debatte über die Motive und Rechtma/ligkeit von EIgins Akrioninsbesondere zur Frage, ob er die Skulpturen im ottornanisch besetzten Griechenland vor sicherer Zerstorung gerettet oder ob er vielrneh~ selbst den Parthenon-Ternpel durch rücksichtslose Ausbeutung zerst6rt hatte -wurde durch die zeitgleich
doi:10.30965/9783846749753_009 fatcat:mosk77hegzelndvfinl5iovkxq