Osteomalacie bei einer Nullipara, geheilt durch Kastration

Eugen Holländer
1902 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Der Heilwerth der Kastration ist seit Fehling durch eine Reihe exakt beobachteter Fälle sichergestellt für die in der Schwangerschaft acquirirte Form der Osteomalacie. Dieser empirisch gefundenen Thatsache suchte man durch eine Reihe von Hypothesen eine wissenschaftliche Basis zu geben, ohne jedoch bisher zu einer einwandsireien und einleuchtenden Theorie gekommen zu sein. Jedenfalls dürfen bei der Betrachtung dieser Dinge die bisher noch seltenen F1le nicht übersehen werden, in denen durch die
more » ... Wegnahme inaktiver, meist atrophischer Ovarien bei alten Mädchen derselbe zauberhafte Heilerfoig erzielt wurde. Es ist, wie ich glaube, das Verdienst Latzko's in Wien, darauf hingewiesen zu haben, dass die .Knochenerweichung auch bei Jungfrauen und Männern nicht ganz so selten vorkommt, wie sie diagnostizirt wird, und dass diese Erkrankungsformen meist jahrelang unter der falschen Flagge von Spinalerkrankungen sege'n oder in den grossen Topf der Rheumatismen geworfen werden. So ging es auch der Patientin, deren Krankengeschichte ich zuntchst summarisch mittheilen möchte. In Frankfurt a. M. litt die jetzt 36jährige Dame vor cirka zehn Jahren derartig an rheumatiseben Beschwerden, verbunden mit erschwerter Fortbewegung, dass sie derentwegen ihren Wohnsitz nach Wiesbaden verlegte. Aber auch dort wurde sie trotz mehrjährigen Kurgebrauchs nicht besser, dann wurde sie unter Annahme eines schweren Nervenleidens elektrisirt, gleichfalls ohne Erfolg. Die Beschwerden, die in Schmerzen in den Beinen, Ziehen, Reissen, um den Unterkörper GUrtelgeflihi u. s. w. beständen, griffen zuletzt noch auf Brustkorb und Arme "ber. Hand in Hand ging damit eine allmählich zunehmende Behinderung die Beine zu gebrauchen, dieselben klebten" ihr am Boden; war sie erst einmal im G-ange, so hatte sie grössere Macht über die Glieder. Zuletzt kam eine starke Empfindlichkeit des Rumpfes hinzu; Schmerzen in den Rippen bei Berührung und bei tiefem Athemholen, Husten u. s. w. Auf Befragen giebt die Patientin an, dass sie cirka 20 cm in den letzten 5-7 Jahren kleiner geworden sei und namentlich in den letzten Jahren ihre Taille" ganz eingebüsst habe. Nach diesen anamnestischen Angaben lag der Verdacht auf Osteomalacie nahe. Derselbe wurde zur Gewissheit auf Grund folgenden Status. Die Betrachtung des Körpers der 3öjährigen Virgo intacta zeigt von vorn die Verhältnisse, wie wir sie bei einer starken Gibbosität im Lumbaitbeil der Wirbelsäule finden; die untere Brustapertur hat sich dem oberen Beckenring derartig genähert, dass die unterSten Rippen bereits beiderseits ziemlich symmetrisch unterhalb der breit und massig vorspringenden Cristae ilei zu fühlen sind; die Betrachtung der Rückseite zeigt eine sehr ausgesprochene tiefe Hautfalte oberhalb des Beckens,. jegliches Fehlen einer Gibbosität, dagegen eine etwas nach vorn und unten gesenkte Wirbelsäule; starke Knickung des Kreuzbeins, Natös hängend, spitz nach unten zulaufend. Durch diese Raumbeengung erklärten sich hinlänglich die beträchtlichen Beschwerden der Patientin, wenn sie das kleine Maass der ihr noch möglichen Nahrungsaufnahme überschritt. Die Untersuchung des Beckens zeigte die Maassveränderungen der Osteomalacie, wenn auch theilweise nicht so ausgesprochen wie in einer fortgeschrittenen puerperalen Form. Typisch sind die verbreiterten wulstartig vorspringenden Cristae ilei, deren Entfernungen 29 cm betragen, gegenüber der Distanz der Spinae 25'/ cm, der Trochanteren 281/2 cm, Conjugata 20'/2 cm. Distanz der Tubera ischii 5,5 cm. ( Die Ivtaasse sind von Collegen Dr. Strassmann festgesetzt.) Die innere Untersuchung zeigte, dass die unteren Schambeinäste spitzwinklig, beinahe parallel verliefen und man das Gefühl hatte, dass der Finger zwischen Knochen eingeschlossen läge. Entsprechend der Verkürzung der Wirbelsäule in ihrem Lumbaltheil schienen die Aime verlängert und reichten beinahe bis zum oberen Patellarrand. Charakteristisch ferner war für die Deutung der Krankheit der Gang. Die Fortbewegung war in der ersten Zeit meiner Beobachtung dadurch noch möglich, dass die Patientin ruckweise unter Fixirung der Kniegelenke den Körper seitlich, z. B. nach links einbog und das rechte Bein vorwärts warf. Oft nahm sie dabei als Hilfe noch die betreffende Hand in Anspruch. Später jedoch rutschte sie vorwärts, indem sie auf den Hacken um ihre Längsaxe rotirende Bewegungen machte. Dieser für Osteomalacische charakteristische Gang findet seine Vorbedingung in zwei Erscheinungen, welche ihm das Gepräge geben: der doppelseitigen Ileopsoasparese und der Adduktorencontraktion. Die Ileopsoasparese entsteht wohl dadurch, dass die Ursprünge dieser Muskelbündel sich so ihrer Insertion näherten, dass die Contraktion des Muskels in der Aufrechtstellung illusorisch wird. Es dokumentirt sich dieser Zustand durch die auch bei unserer Patientin vorhandene Unmöglichkeit, die Beine zu flektiren; eine Entwickelung des Fusses ist dadurch unmöglich. Eine zweite, ziemlich typische und Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1203487 fatcat:gcund3rewjgdnpgm5y6w2mlajm