Die physiologische L�sung des Raumproblems

Franz Ei�ler
1913 Die Naturwissenschaften  
Eilller: Die physiologische 20. 6. 1913j rung sieh ehemisch nahestehender, verwandter Stoffe, z. ]3. der Alkaloide. Dal] neben den spezifischen Bestrebungen, wie sie dureh Paul Ehrlichs Salvarsan denkwfirdig repriisentiert werden, die Beeinflussung yon Lebensvorggngen dm'ch ehevnische Reagentien --dies die alte, Massisehe Definition der Pharmakologie --groBe Erfolge erringen kann, lehrt die Rolle, die heute das Atophan, id est die Phenyleinchonins~ure (Nicolaier) bei der Behandlung der Gicht
more » ... rheumatoider Zustiinde splelt. Ieh erw~hne sodann die Bemiihungen, die Bestandteile des meist benutzten l=[erzmittels, der Digitalisbl~tter so zu verarbeiten, dag sle quantitativ abseh~tzbar, dauernd gleiehartig, ja selbst zu intravengser Injektion mit ihrem oft lebensrettenden, momentan eintretenden Erfolg verwendbar werden --Digalen, Digipm-atum, Digifolin --, das andauernde Streben naeh neuen Sehlafmitteln --Bromura], Ada]in, Luminal, Aleudrln --und so ist wohl der meisten Richtungen gedaeht. Aus der zielbewugten gemeinsame:a Arbeit des experimentellen und chemischen Laboratoriums erstehen endlos ne~m Stoffe. Das Interesse der Industrie ~iihrt zum IIeil des Patienten, indem das Bessere das Gute verdriingt. Nach so vie] Positivem sei noeh einer fast negativen Richtung gedacht, die gar viele Kbpfe bewegt, die experimentel]e Behand]ung yon Tumoren: trotzdem uns die /~[orgenbl~tter immer wieder atlerhand Sensationen dieser Riehtung auftisehen, der groi~e, unbedingte, siehere Erfp]g steht noeh aus! Allein auch bier wird Ingenium und Fleil] das hochgesteckte Ziel erringen helfen. In dem Kampfe, den die grzt]iehe Welt gegen ]~'ankheit und Sieehtum fiihrt, ist die ehemisehe Wa£fe eine der wiehtigsten. Nieht als geringsten Effekt der Salvarsantherapie mSehte ieh den mora-]isehen Einfiufl sehiitzen, den sie in dem Sinne bedeutet, dab gegeniiber oder, besser gesagt, neben der Antigentherapie die Bestrebungen, die Chemie therapeutischen W~inschen dienstbar zu machen, neuen, aussiehtsvollen Anstol] erhalten haben. Die interessanten Ausfiihrungen von R. Bdrdny in Heft 17 uad 18 der "Naturwissenschaften" fiber die Fhysiologie und Pathologie des Bogengangapparates, an deren Entwicklung ihr Verfasser hervorragendsten Auteil genommen hat, lassen es doch nicht ftir unangebracht erseheinen, die Leser dleser Zeitschrift mit den Untersuchungen des Physiologen 1) E. v. Cyon, Das Ohrlabyrinth als Organ des mathematischen Sinnes ftir Raum und Zeit. J. Springer Berlia 1908. E. v. Cyon, Gott und WissenschMt, II. Bd. Leipzig, Veit u. Co. 1912. LSsung" des Raumproblems. 595 v. Cyon, die zurn Tell den gleichen Gegenstand betreffen, bekannt zu machen. Die Denkweise Cyons kennzeichnet ein philosophischer Zug, nicht a]s fatale Neigung zu vagen Spekulationen, sondern als Wille zur Einheit aller Wissenschaften. Die physiologisehe Untersuchung des Ramnproblems wird ihm zur philosophlschen, und mag auch die Verbindung, die er zwlschen diesen beiden Wissensgebieten kniipfte, noch nieht endgiiltig feststehen --jedenfa]ls seheint mir eine Theorie, die, in sich vSllig abgerundet, auf exakter Basis ruht, bestimmt zu sein, Kants Lehre, mit der die Naturwissenschaft sieh nlemals befreunden konnte, abzulSsen. Kant wghnte das Rgtsel unserer Raumvorstellungen, ihrer dreidimenslonalen 3/[annigfaltlgkeit, mit Hilfe seines Apriorismus gelSst zu haben. Das Problem des Raumes war fiir ihn deshalb yon besonderer ]3edeutung, well es aufs innigste verquickt schien mit der Frage naeh dem Ursprung der geometrisehen Axiome Eukllds und ihrer apodiktischen Gewil]heit. Ffir Kant ist der Raum die Form unserer ~iul~eren Anschauung, eine subjektive Bedingung aller ~ul~eren Erfahrung: "Der Raum ist eine notwendige Vorste]]ung a priori, die allen fiuBeren Ansehauungen zum Grunde liegt. Man kann sich nlemals eine Vorstellung davon maehen, dal~ kein tlaum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, dag keine Ge-geast~nde darin angetroffen werden. Er wird also als die Bedingung der MSgliehkeit der Ersche~uungen und nicht als eine von ihnen abh~ngende Bestimmung angesehen und ist eine Vorste]lung a priori, die notwendigerweise unseren Erscheinungen zum Grunde ]iegt." Das "a priori", ein 13otlwerk gegen den Skeptizismus, insbesondere den David Humes, war die Erklgrung fiir jene untriigtiehe Sicherheit, mit der die S~tze der Geometrie, synthetisehe Urteile a priori, abgeleitet werden konnten. Kants Lehre wurde bald nach ihrer Ver5ffentliehung in zweifacher Richtung angegriffen; einerseits hat man die Apriorit~t der mathematischen Erkenntnisse, andrerseits ihren synthetischen Charakter bestritten. Die st~rkste Erschiitterung jedoeh hat seine Anschauung dutch die nichteuk]idisehe Geometrle erfahren, die IIelmholtz geradezu a]s Widerlegung Kants angesehert hat, jedenfalls abet war sie als Bewels fiir die apodiktische Giiltigkeit der geometrischen Lehrsgtze entbehrHch geworden. So scharfsinnig auch die Kritik, die yon mathematischer und phi]osophischer Seite an Kants Theorie gefbt wurde, gewesen sein mag, so deutlieh aueh ihre M~ngel an den Tag traten, einen vo]lg(i]tigen Ersatz fiir sie zu schaffen wollte nlcht gelingen. Aueh yon physiologiseher Seite, zunllehst stark im Banne der Xantsehen Zauberformel, wurde das Problem des Ursprungs unserer Raumvorste]lung iu Angriff genommen, und der Physio]ogie b]ieb es vorbehalten, indem sie einen beliebten Tumme]p]atz steriler Dialektik der experimente]]en :~Iethodik zu-g~inglich maehte, das II~tsel mit der Entdeekung eines seehsten Sinnes, des Raumsinnes, zu lSsen.
doi:10.1007/bf01492936 fatcat:ihcdu6hkwrek5gnt5ow6utrlhm