Trinitarisches Leben Gottes als Grund und Vorbild des menschlichen Lebens

Ciril Sorč
2015
Einführung Die Grundaussage über den christlichen Gott lautet: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8.1b)1; der Grundunterschied zwischen dem christlichen Gott und anderen Göttern liegt darin, dass der christliche Gott dreieinig ist. Diese zwei Tatsachen bedingen sich gegen seitig. Auf diese Weise ist die Dreieinigkeit die »Erklärung« der Tatsache, dass Gott die Liebe ist. Die Dreieinigkeit gehört also zum Gottwesen und ist nicht nur eine Eigenschaft -und auf diese Wirklichkeit möchte ich in
more » ... te ich in vorliegender Abhandlung aufmerksam ma chen. Die Liebe ist diejenige, die Unterschiede voraussetzt und schätzt und die gleichzei tig vereinigt. So ist für den Christen Gott bereits im Tiefsten seines Seins commimio.1 Dieser erste Punkt entfällt in einer bloß allgemeinen »Phänomenologie Gottes«3, ist aber im trinitarischen Gottesbild konstitutiv. Wenn wir sagen, dass die Gotteseinheit nur auf Grund der Relation der drei Personen besteht, haben wir zu wenig gesagt; diese Relatio n a l s t kommt aus einem Wesen heraus, das die Personen »personifiziert« und der Relati o n a ls t einen tiefen Inhalt gibt: »Gotteseinheit ist dreifältig (dreieinig)« (KKK 254). Und gerade der Begriff »Perichorese« drückt die wesentliche Wahrheit über den christlichen Gott aus.4 In diesem Begriff wollen wir die Dynamik des Daseins des dreieinigen Gottes, der die Liebe ist, zusammenfassen. Weil Gott die Fülle der Liebe ist, leben die drei göttli chen Personen in einer einmaligen perichoretischen Einheit. Von daher lässt sich das trinitarische Geschehen als ewige Rhythmik der Liehe bezeichnen.5 Die Perichorese bedeu tet beim dreipersönlichen Gott folgendes: Die drei göttlichen Personen durchdringen sich gegenseitig vollständig, sie geben sich einander vollständig hin, leben in unverwüstlicher Gemeinschaft; jede göttliche Person lebt vollständig in den anderen zwei Personen, für sie und zusammen mit ihnen. Den trinitarischen Gott können wir als »personale Kommu 1 Vgl. August Brunner, Dreifaltigkeit. Personale Zugänge zum Geheimnis, Einsiedeln 1976, 42ff; Piero Coda, L'agape come grazia e libertä, Roma 1994. 2 Dieses lateinische Wort darf nicht ohne weiteres mit dem statischen Begriff einer (beständigen) Gemein schaft übersetzt werden. Vielmehr ist Communio ein Geschehen, sie ist nicht etwas Gegebenes und Vollgezo genes, sie ist vielmehr ein Prozess. Vgl. Gisbert Greshake, An den drei-einen Gott glauben, Freiburg/Basel/Wien 21999, 30. 3 Klaus Hemmerle, Dreifaltigkeit: Lebensentwurf für den Menschen aus dem Leben Gottes. In: Ders. (Hg.), Dreifaltigkeit -Schlüssel zum Menschen, Schlüssel zur Zeit, München/Zürich/Wien 1989, 128; Catherine Mowry LaCugna, Dio per noi. La Trinitä e la vita cristiana, Brescia 1997, 276-285. 4 Vgl. August Deneffe, Perichoresis, circumincessio, circuminsessio. In: Zeitschrift für Katholische Theologie 47 (1923) 497-532; Ciril Sore, Die perichoretischen Beziehungen im Leben der Trinität und in der Gemein schaft der Menschen, in: Evangelische Theologie 58 (1998) 100-119. 5 Vgl. Gisbert Greshake, Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie, Freiburg/BaselAVien 1997, 187; Jörg Splett, Spiel-Ernst, Frankfurt am Main 1993, 18-21; ders., Leben als Mit-sein, Frankfurt am Main 1990, 55-89. 7 Vgl. Karl Christian Felmy, Orthodoxe Theologie. Eine Einführung, Darmstadt 1990, 142; Catherine Mowry LaCugna, Dio per noi. La Trinitä e la vita cristiana, Brescia 1997, 285-298. 8 Bonaventura, Itinerarium mentis in Deum..., 4, a.2. Für vollständige Selbstschenkung göttlicher Personen verwendet Bonavcntura die Ausdrücke wie: communicabilitas, cointimitas, circumincessio; Vgl. K. Kremet\ Dionysius Pseudo -Areopagita oder Gregor von Nazianz? Zur Herkunft der Formel: Bonum est diffusivum sui«. In: PhTh 63 (1988) 579-585; Jürgen Werbick, Bilder sind Wege, München 1992, 286-289.
doi:10.5282/mthz/4154 fatcat:f66feiyebvc73bc5abg55m2v5y