Moderne Unverbindlichkeit? Ein gesellschaftliches Phänomen und seine rechtliche Begleitung [chapter]

V. Klappstein
2021 Wortgebunden  
Wer Verbindlichkeit erforschen will, hat zugleich auch dessen ergänzendes Gegenteil, die Unverbindlichkeit zu berücksichtigen. Denn immer dann, wenn ein Versprechen nicht eingehalten wurde, ob im privaten oder im geschäftlichen Verkehr, kann erst ex post facto festgestellt werden, dass entweder von vornherein unverbindlich ge-und versprochen worden war oder aber dass ein zunächst verbindlich Gemeintes im Laufe der Zeit aufgelöst und so zum Unverbindlichen wurde. Mit anderen Worten: Realisiert
more » ... ch die in Aussicht gestellte Verbindlichkeit bezüglich eines Attributes, löst sich die Unverbindlichkeit auf. Bis zu diesem Zeitpunkt indes ergänzen sich beide, Verbindlichkeit und Unverbindlichkeit. Und zwar jeweils in summarischer Relation ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit bezüglich ihres Attributes. Insofern sind Verbindlichkeit und Unverbindlichkeit sich ergänzende Gegenteile. Wer sein Gedächtnis oder unterschiedliche Medien durchforstet, wird auf verschiedene Szenarien der Unverbindlichkeit stoßen, bspw. wenn im privaten Bereich Termine zunächst angenommen, dann aber einige Zeit vor, kurz vor oder gar nach der eigentlichen Zusammenkunft abgesagt werden. Im geschäftlichen Bereich tri t das ebenso zu, indem Rücktritt, Kündigung und auch Widerruf unter gewissen Umständen als zulässige (nachträgliche) Unverbindlichkeitsgründe zugelassen werden. Fehlt es daran, kann vertraglich nachverhandelt werden. Als modernes Phänomen wird die Unverbindlichkeit im Rechtsverkehr bspw. für das Widerrufsrecht so sehr beklagt, dass von Verbänden und auch auf europäischer Ebene eine Verkürzung des Widerrufsrechtes diskutiert wird. Für die moderne Unverbindlichkeit stellt sich dabei die Frage, ob die Wahl aus der Palette der verschiedenen Kommunikationsmittel sowohl bei Einigung zweier Personen die Vorstellung der Verbindlichkeitsqualität beeinflussen mag, wie auch die Wahl des »Absagemittels« die Wahrscheinlichkeit eines Nichteinhaltens eines
doi:10.5771/9783465145387-169 fatcat:hype3icuf5athnrkr4rmir3a7e