Mahr, Melanie: Reden ist Gold… – vom Umgang mit Sexualität bei Jugendlichen. Eine empirisch-qualitative Studie zur Situation der Sexualpädagogik im Kontext katholischer, vollstationärer Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe

Oliver Reis
2022
Die Diss. von Melanie Mahr bearbeitet auf den ersten Blick ein pastoraltheol. Nischenthema: den Umgang in kath., vollstationären Einrichtungen der Kinder-und Jugendhilfe mit den sexuellen Bedürfnissen ihrer Klient:inn:en. Dieses Forschungsfeld ist bisher gänzlich unbearbeitet. Die größte Nähe besteht zu Forschungsdiskursen der Sozialen Arbeit. Allerdings wählt die Vf.in mit den kath. Einrichtungen einen spezifischen Kontext, der wiederum in der Sozialen Arbeit weniger herangezogen wird. Die zu
more » ... rforschende Spannung entsteht aber gerade über die Rahmung der katholischen Einrichtung als Institution mit einer bestimmten lebensfernen Sexualprogrammatik und ihren Auftrag als Einrichtung der Kinder-und Jugendhilfe, die zu betreuenden Jugendlichen in ihrer autonomen Entwicklung -auch der sexuellen Reife -zu fördern. Es ist das Anliegen der Vf.in, "deutlich zu machen, wie innerhalb der katholischen, vollstationären Kinder-und Jugendhilfe eine negative Konnotation zum Thema Sexualität zugunsten eines Rahmens, der eine am Menschen orientierte Entwicklung möglich macht, aufgelöst werden kann" (50). Die Vf.in ist überzeugt, dass die kath. Einrichtungen durch eine religionssensible Arbeit mit den Jugendlichen gerade einen solchen entwicklungsfördernden Rahmen zur Verfügung stellen können. Gegenwärtig sorgt diese Spannung -wie die Vf.in zeigen kann -für erhebliche Fehlfunktionen in der Arbeit (z. B. Kein Sex in der Einrichtung aber Abgabe von Verhütungsmitteln) und Funktionskonflikten bei den Fachkräften (Orientierung an Leitlinien und Lebenswelt der Jugendlichen) (171). Unkontrollierbare Systeme wie das Elternhaus oder Freundeskreise mit anderen Leitlinien bieten Ausflüchte und erschweren die programmatische Arbeit für die Einrichtung. Im Grunde bearbeitet die Diss. so ein zentrales Problem aller institutionalisierten Formen religionspädagogischen oder pastoralen Handelns in der Kath. Kirche; sei es bei der Kath. Schule, im RU oder der Krankenpflege: Das institutionelle Handeln bietet einen Rahmen, sodass Handeln überhaupt erst entsteht, aber die Akteure identifizieren sich wenig mit diesem Rahmen, gerade aus einer stellvertretenden Deutung für die Klient:inn:en heraus, um signalisieren zu können: Wir sehen eure reale Lebenswelt. In genau dieser Zuwendung verschwimmen dann aber auch die Kategorien für die Arbeit selbst, der Rahmen rahmt nicht mehr und es dominieren andere Rahmungen, die andere Interessen bedienen, die letztlich sogar den eigentlichen Organisationszweck unterlaufen können. In der Studie von M. ist der faktisch leitende Rahmen der Arbeit in den untersuchten Wohngruppen, dass verlässliche Strukturen aufrechterhalten werden, die zugleich wenig Raum für
doi:10.17879/thrv-2022-3903 fatcat:ibmgc7zfyfem7cr6rwk4tdgqpu