Öffentlich/Privat - neue Grenzziehungen im Übergang zum Postfordismus [article]

Beat Weber, Humboldt-Universität Zu Berlin, Humboldt-Universität Zu Berlin
2019
Die Dichotomie öffentlich/privat bezeichnet keine besonderen festen Sphären, sondern einen Aspekt gesellschaftlicher Praxis, eine symbolische Ordnung, die den bürgerlichen Staat zum Grundstein und Bezugspunkt hat. Was öffentlich und privat ist, ist nichts Unveränderliches, sondern Gegenstand von Auseinandersetzungen, Ausdruck von Machtverhältnissen, von Hegemonie. Eine Erläuterung zum Verhältnis öffentlich/privat muss mit definitorischen Fragen beginnen. Denn das BegrifEpaar öffentlich/privat
more » ... t zwar viel gebraucht, aber für analytische Zwecke problematisch. Nicht nur weil es unterkomplex und grobrastrig ist, sondern weil keine einheitliche genauere Begriffsdefinition in Gebrauch ist. Das Definitionsproblem stellt sich auf zwei Ebenen: Erstens wird das Gegensatzpaar öffentlich/privat auf unterschiedliche Gegenstandsbereiche angewendet: Es wird auf • Orte (Öffentlichkeit braucht einen Raum -Versammlungsplätze, Medien etc. Demgegenüber gibt es Räume, die als privat gekennzeichnet sind -Wohnung, Finnengelände, Tagebuch etc.); • Ereignisse (zb für alle zugängliche Veranstaltungen vs. geschlossene Familienfeier); • Themen (zb das Schicksal der Nation als öffentliche Angelegenheit vs. Sexualität als Privatsache) und • Eigentum (zb verstaatlichter Betrieb, open source vs. Privatfirma, Patente) bezogen. Zweitens variiert die Beschreibung dessen, was in einem Gegenstandsbereich gesellschaftlich als privat und was als öffentlich gilt, je nach theoretischem Kontext. W eintraub ( 1997) unterscheidet vereinfachend vier Gruppen von Gebrauchsweisen mit jeweils unterschiedlichen Definitionen: • In liberalen Ansätzen wird das Öffentliche mit dem Staat und dieser mit Zwang assoziiert, dem das Private als Bereich der freiwilligen Vereinbarungen, des Marktes und des Tausches gegenübersteht. • In Bürgerschaftsmodellen ist der öffentliche Raum der Ort kollektiver Meinungsund Willensbildung einer politischen Gemeinschaft, gegenüber dem Privatleben, in dem Identität ausgebildet wird. • In historischen Darstellungen wie jener von Aries (1991) wird die Öffentlichkeit vor allem in physischem Sinne (Strassen, Plätze ... ) als Ort der Geselligkeit, der zufälligen Begegnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen definiert, das Private (das Häusliche, das Intime) demgegenüber wird als überdimensioniertes Produkt einer künstlichen Abtrennung beschrieben, das in der Moderne zum Gegenstand pathologischer Überinvestition und Überforderung im Zuge Kurswechrel 4/2001
doi:10.25595/1510 fatcat:rzbldn6mtnautb4hpmyvxw7eiu