Kartenspiele: Die Anfänge moderner "Games"

Claudius Clüver, Mediarep.Org
2021
Die Relevanz der historischen Entwicklung der Kartenspiele für die Formierung des Diskursobjektes Spiel in seiner heutigen Form ist das Thema dieses Textes. Der historische Blick ermöglicht, selbstverständlich erscheinende Grenzziehungen und Anschlüsse in Frage zu stellen -die Trennung von Gaming und Gambling (Spiel und Glücksspiel) etwa oder die Verwandtschaft von Gesellschaftsspielen und Pädagogik. Im Text wird der erste Abschnitt nach den Eigenschaften der Spielkarte geordnet: Sie ist flach,
more » ... net: Sie ist flach, aus Papier, hat eine Rück-wie auch eine Vorderseite und ist mit ordnenden Symbolen gekennzeichnet. Die Spielkarte wird somit zunächst aus einem materiellen beziehungsweise strukturellen Blickwinkel analysiert. Danach wird der Diskurs um das Kartenspiel im historischen Verlauf nachgezeichnet. Diese Diskursgeschichte konzentriert sich auf den Spieldiskurs der neuzeitlichen, europäischen Bürgerkultur. Dabei sind zwei Umbrüche relevant: Der der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert sowie der Aufklärung im 17. bis 19. Jahrhundert. (Vgl. Strouhal/Schnyder 2010, 15ff., vgl. Wörner 2010, 16) Damit soll kein starres Epochenmodell angedeutet werden, vielmehr stehen die Begriffe "Renaissance" und "Aufklärung" für Gemenge von Prozessen, die ohne Kohärenz über lange Zeiten ablaufen. Was den Gegenstand "Spiel" angeht, gibt es disparate wissenschaftliche Zugangsperspektiven; Sowohl die vor allem (kunst-)historisch ausgerichteten Card Game Studies als auch die Board Game Studies sind ebenso junge Disziplinen wie die medienwissenschaftlichen Game Studies, die sich um Computer-und Videospiele als Gegenstand entwickelt haben. Spiel|Formen Heft 1: Anfäng e ... 13 Aufgrund des geringen Alters dieser Disziplinen sind spezifische Spielphänomene zum großen Teil nur wenig erforscht. Die humanistisch-philosophische Beschäftigung mit dem Spiel hat sich wiederum in der Regel wenig mit den konkreten Gegenständen befasst, sondern mit einem universalisierten Spielbegriff operiert. (Vgl. Kühme 1997, 18ff.) Die Kartenspiele der Neuzeit sind ein Spielformat, das populärkulturell wirksam wie auch kommerziell formiert ist und das Mathematik und Kunst verbindet, womit es relevant für soziale Diskurse wird. Ihr Doppelcharakter als Spielobjekt und Bildmedium macht sie dabei besonders interessant. (Vgl. Hoffmann 1985, 38ff.) Sie mögen so einerseits helfen, die kulturelle Relevanz spielerischer Phänomene im Allgemeinen auszuloten, andererseits die historische Besonderheit von Computerspielen in Abgrenzung zu bestimmen. Darüber hinaus wird deutlich werden, dass einige Diskurse, die sich am Kartenspiel im 14. Jahrhundert entzünden, für die weitere Entwicklung der Spielsphäre in Europa ebenso wie für die Mathematik wichtig werden. Auch die Drucktechnik wird durch das Kartenspiel gefördert. Die Diskurse um das Kartenspiel bestimmen so nicht nur die heutigen Diskurse um Computerspiele mit, Kartenspiele haben auch eine Bedeutung als ein Katalysator des Fortschritts in der Neuzeit. 2 DIE STRUKTUR DER SPIELKARTE Kartenspiele bestehen erstens aus Papier, zweitens haben sie eine Vorderwie auch eine Rückseite, drittens sind sie bedruckt, nämlich viertens mit Bildern und Symbolen. Diese Liste wird diesem Abschnitt als Gliederung dienen. Die aufgeführten Eigenschaften geben Kartenspielen eine herausragende exemplarische Qualität, da sie sie mit anderen fundamentalen "Bausteinen" der Moderne wie Buchseiten oder Formularen teilen. Im Folgenden wird deutlich werden, dass damit nicht nur eine Ähnlichkeitsbeziehung benannt ist, sondern dass die Spielkartenwirtschaft in einigen Aspekten Modernisierungsentwicklungen präfiguriert. Als Gegenstände aus Papier bestehen Spielkarten aus einem Rohstoff, auf dem die moderne Gesellschaft gründet. Spielkarten aus anderen Rohstoffen kommen in der Geschichte vor, allerdings entweder in Einzelfällen Spiel|Formen Heft 1: Anfäng e ... 15 verkauft, nicht auf Bestellung, sondern nach einem erwarteten Kundenbedürfnis im Voraus produziert. Nützlich ist dabei ihre materielle Beschaffenheit: Ein Kartendeck ist klein, leicht, damit sehr transportabel. Papier ist überall verfügbar, außerdem geht das Gewicht des Rohstoffs fast vollständig in das Gewicht des Produktes ein, sodass der Produktionsort am Ort der größten Abnehmer:innenzahl gewählt werden kann, von wo aus überregional gehandelt wird. Sprachbarrieren, die den Absatz von Schriftstücken begrenzen können, behindern dabei das logische System Kartenspiel nicht -Karten werden etwa in Süddeutschland für italienisches Publikum produziert oder auch aus Frankreich in Norddeutschland abgesetzt. (Vgl. Parlett 1990, 41, Stuckmann 1925 Kartenspielen ist in vielen Städten des spätmittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Europas in allen Gesellschaftsschichten beliebt. Dabei ist der Alphabetisierungsgrad niedrig, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass ein Kartenspiel für viele Menschen die erste intime Begegnung mit einem Gegenstand war, der alle der folgenden modernen Eigenschaften trug: ein logisches System zu sein; 3 klein, leicht und quadratisch; aus Papier; quasiindustriell und auf Vorrat hergestellt, überregional vertrieben sowie mit Blick auf Käufer:innengeschmack gestaltet. Spiel|Fo rm en Heft 1: Anfäng e ... 31 Kühme, Dorothea (1997): Bürger und Spiel: Gesellschaftsspiele im deutschen Bürgertum zwischen 1750 und 1850. Frankfurt/Main ; New York: Campus. (= Historische Studien Bd. 18). Parlett, David Sidney (1990): The Oxford guide to card games. Oxford [England] ; New York: Oxford University Press. Polenz, Peter von (2000): Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Hg. von Claudine Moulin. 2., überarbeitete und erg. Aufl./bearb. von Claudine Moulin unter Mitarbeit von Dominic Harion Aufl. Berlin ; New York: W. de Gruyter. (= De Gruyter Studium).
doi:10.25969/mediarep/16133 fatcat:sg5t4ryfs5dfpohgqzwckelzaa