Eine höfische Minnekästchen-Werkstatt zwischen Maas und Niederrhein um 1430

Heinrich Kohlhaußen
2017
Dank der großen Ausstellung "Europäische Kunst um 1400", die im vergangenen Sommer viele Kunstfreunde nach Wien zog, ist unser Blick auf jene zauberhafte Kultur gelenkt worden. Nicht zuletzt trug dazu das mit einem Drittel der Schätze vertretene Kunsthandwerk bei, das nicht etwa nur durch den subtilen Oberflächenreiz der Goldemails oder die großartigen Bilderfolgen der Wirkteppiche neue Akzente setzte, sondern auch in Gegenständen aus unscheinbarem Material, wie den deutschen Minnekästchen,
more » ... Minnekästchen, neue Zusammenhänge offenbarte. Von deren dort gezeigten Proben möchte ich auf jenes Kästchen aus dem Louvre in Paris eingehen, das ich vor Jahrzehnten in die Literatur eingeführt habe1 und dem ich einige Werkstattgenossen zugesellen möchte. Der karge Bilderkreis dieser aus Buchs geschnitzten und ursprünglich durch vergoldete Silberfassung bereicherten Kästchen gilt der in jenen Zeitläuften in gehobenen Kreisen, insbesondere im Rheinland, verbindlichen Minneallegorie. Die flachen Kästchen boten auf Deckel und Längsseiten drei Haupt-, auf den beiden Schmalseiten zwei Nebenfelder. Bei dem Kästchen in Paris steht auf dem Deckel das durch eine Leiste getrennte Paar sich beim Abschied gegenüber. Seinen Stoßseufzer wenn es ans Scheiden geht beendet sie resolut: meide ohn Verlangen. Vorder-und Rückfläche stellen äußerste Gegensätze dar. Auf der Vorderfläche wird kommentarlos der Kläffer, der Verräter geheimer Liebe, durch eine Dame einem Block angeschmiedet. Ähnliche Strafe ist uns von dem elsässischen Bildteppich mit ritterlichen Gesellschaftsspielen vom späten 14. Jahrhundert im Germanischen Nationalmuseum, einem der frühesten und bedeutendsten seiner Gattung, bekannt, wo Frau Minne Gericht hält und zwei Kavaliere durch eine Dame an den Zaun gefesselt werden2. Auf der Rückseite des Pariser Kästchens jagt ein Jäger das Einhorn, das S)'mbol der Keuschheit, ich jage in Treuen, das rückwendend durch sein Schriftband antwortet: das soll dich nicht gereuen. Die Treue steht somit dem Verrat gegenüber. Die Schmalwände füllen Falken mit ihren Schriftbändern. Der gleichen Werkstatt, wenn nicht der gleichen Hand, entstammt ein Minnekästchen, das sich 1934 im Fürstlich Schönburgischen Naturalienkabinett, Schloß Waldenburg in Sachsen,
doi:10.11588/azgnm.1963.0.38372 fatcat:bhih3eatuncwzabkyeyp7oqyda