Gefesselte Krankheitsgeister

Fridolf Kudlien
1987 Gesnerus  
Die folgenden Betrachtungen sollen unter anderem dem Gedenken an zwei Gelehrte dienen, deren Arbeiten dem Erforscher antiker Medizin ebenso wie dem komparatistisch arbeitenden Erforscher der primitiv-archaischen und der Volksmedizin nach wie vor ungewöhnlich reiche Einsichten und Anregungen vermitteln können: Karl Meuli und Hans Herter. Der Schweizer wie der Deutsche waren von Haus aus Altertumswissenschaftler. Beide waren besonders auch an Religions-und Medizingeschichte interessiert. Und
more » ... eressiert. Und beiden lag hierbei vordringlich die Verbindung sowohl zur Volkskunde wie zur Kulturanthropologie am Herzen. Einer der einschlägigen Aufsätze Herters behandelt «Böse Dämonen im frühgriechischen Volksglauben»/ darunter Krankheitsgeister wie etwa den Ephialtes oder einen in Rom sogar zur Gottheit Febris aufgestiegenen Fieberdämon. Unser hier vorgelegter Beitrag will, über die Antike hinausgreifend (sie dabei aber nicht etwa an den Rand drängend), einen eigentümlichen, bei Herter nicht weiter hervortretenden Aspekt des menschlichen Umgangs mit solchen Geistern/Dämonen schärfer ins Licht rücken. Zu den langjährigen, nicht vollendeten Forschungsprojekten Meulis wiederum rechnet ein Buch über «Gefesselte Götter» sowie eines über «Baumgötter» (d.h. zu Bäumen gehörende, an diese «gefesselte» Gottheiten). Zu beiden Projekten ist wichtiges Nachlaßmaterial vorhanden, welches jetzt, mustergültig ediert, allgemein zugänglich ist®. Als Gegenstück zu den gefesselten Göttern wollen wir uns hier mit in entsprechender Lage befindlichen Geistern befassen, wobei «gefesselt» eben auchfür uns sogar in erster Linie als «gefangen», «eingekerkert», «an etwas gebunden» verstanden werden soll. Damit möchten wir zugleich die allzu knappen Bemerkungen zum Thema ergänzen helfen, die ein Meuli und Herter geistesverwandter Altertumswissenschaftler und Volkskundler, Wolf Aly, beigesteuert hat®. Die reiche Materialsammlung «Fessel und Netz zur Heilung von Krankheiten», welche Isidor Scheftelowitz, gleichfalls Altertumswissenschaftler und Volkskundler, im Rahmen einer religionsgeschichtlich ausgerichteten Monographie komparatistisch zusammengetragen hat", ist für uns sehr hilfreich, läßt sich aber ebenfalls von unserem Gesichtswinkel aus ergänzen und iiiterpretatorisch vertiefen.
doi:10.1163/22977953-0440304038 fatcat:zt5c54li2jdntk7kiilibmdip4