Die künstliche Sterilisation der Frau1)

G. Winter
1920 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Meine seit Jahren fortgesetzten Bemühungen, den künstlichen Abort in seinem praktischen Anwendungsgebiet durch Aufstellung bestimmter, auf wissenschaftlichen Forschungen und praktischen Erfahrungen beruhender Indikationen fest zu umgrenzen, haben mich auch Zur Beschäftigung mit der künstlichen Sterilisierung geführt; denn beide Maßnahmen, die Beseitigung einer vorliegenden Schwangerschaft und die dauernde Ausschaltung des spateren Nachwuchses, haiigen eng zusammen. Auch fur die Sterilisation
more » ... sicheren Boden wissenschaftlich erforschter und praktisch erprobter Indikationen zu schaffen, erschien mir aus doppelten Gründen sehr erwünscht. . Einmal heißt es auch hier, einem immer mehr sich steigernden Mißbrauch dieser Operation zu steuern, welcher sich aus dein Fehlen der sicheren Indikation, aus der Operationssucht der Aerzte und dem immer mehr hervortretenden Verlangen der Frauen, sich vor unerwünschtem weiteren Nachwuchs zu sichern, entwickelt hatte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß heute von der akademischen Klinik an bis zum gynäkologischen Operateur der Praxis dic Sterilisation unnötig häufig ausgeführt wird. Ich will nicht weiter ausführen, wieviel Unheil in dem Seelenleben der Frau angerichtet werden kann, wieviel Disharmonie in dem ehelichen Leben cntstehen kann, wenn Ansichten oder familiäre Voraussetzungen zur Stcrilisatioii sich später ändern, und will auch nur kurz andeuten, daß durch diese Verschwendung ¡oit Menschenleben dem Staat ein großes Unrecht angetan wird. Alles dieses zu erörtern, ist nicht meine Absicht; aber es waren Beweggrunde, welche mich mit zu dieser Arbeit geführt haben. Viel mehr sah ich die Notwendigkeit dieser Arbeit darin begründet, daß Wissenschaft und Praxis einer Bearbeitung der für die Ausführung der Sterilisation notwendigen Fragen entbehren. Die Technik war fast alleiniger Gegenstand des Interesses; die Indikationen blieben außer dem Bereich der Arbeit. Unsere Lehrbücher bringen nichts Brauchbares, und Sonderarbeifen liegen nur in den Zusammenstellungen einzelner jüngerer Autoren und eThzelner Dissertationen vor. Der Grundgedanke der Sterilisation ist, dem verschlimmernden Einfluß entgegenzutreten, welchen die Schwangerschaft aut den Verlauf chronischer Krankheiten ausübt. Der hohe Preis, um welchen dieser Erfolg erkauft wird, nämlich der wahrscheinliche Verlust eines oder mehrerer gesunder Menschenleben, beschränkt von vornherein die Anwendung auf ernste und schwere Krankheiten. Es wäre ja nicht zu rechtfertigen, diese so schwer in das Leben der Frau, der Familie und des Staates einschneidende Operation auszuführen, wenn es sich um die Bekämpfung leichter Kranklieitszustände oder gar Beschwerden handelte, sondern ebenso wie der künstliche Abort kann die Sterilisierung nur dann in Frage kommen, wenn in späteren Schwangerschaften Lebensgefahr oder schwere Gesundheitsschädigung zu erwarten steht. Dieser strenge Standpunkt ist allen meinen Indikationen zugrundegelegt; ich halte ihn für den allein berechtigten. Bei der Aufstellung der Indikation für die Sterilisierung muß man von der Indikation zum künstlichen Abort ausgehen; nur wo dieser berechtigt ist, darf eine Sterilisation eingreifen; denn sie soll ja schließlich nur an die Stelle wiederholter künstlicher Aborte treten. Der künstliche Abort ist kein leichter Eingriff und kann bei unsachgemäßer Ausführung schweren Schaden stiften; aber auch sachgemäß ausgeführt, kann er durch die damit verbundenen Erregungen, den unvermeidlichen Blutverlust, das nachfolgende Krankenlager Schwerkranken, namentlich den Tuberkulösen, sehr schaden. Wenn es sicher feststeht, daß auch künftighin jede Schwangerschaft dem Wohl der Frau zum Opfer fallen muß, wird man ihn besser durch die Sterilisation ersetzen. Es erscheint mir nun notwendig, die Krankheitszustände, welche die Sterilisation verlangen, zu gruppieren nach der Art des Einflusses, welchen die Schwangerschaft auf das Entstehen und den Verlauf derselben ausübt. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle den Einfluß der Schwangerschaft wissenschaftlich zu begründen, sondern verweise auf die Monographie 1), welche ich mit meinen Schülern zusammen herausgegeben habe ; hier findet sich der Zusammenhang sehr eingehend wissenschaftlich begründet. Ich trenne drei Gruppen von Krankheiten je nach der Art der Beeinflussung durch die Schwangerschaft: solche Krankheiten, welche gewöhnlich nur in einer Schwangerschaft auftreten und sich selten wiederholen; solche Krankheiten, welche nur in der Schwangerschaft schwere Erscheinungen machen, häufig während späterer Schwangerschaften reiidivieren und in der schwangerschaftsfreien Zeit in ein ruhigereè Stadium eintreten ; so]che Krankheiten, deren dauernder chronischer Verlauf durcb die Schwangerschaft akut '. erschlimmert wird und durch weitere Schwangerschaft beschleunigt zum Tode führt. Bei der ersten Gruppe handelt es sich vorwiegend um Schwange rsch aftsto xikose n , von denen bekanntlich einzelne, die lfypereniesis, die Eklampsie, die akute gelbe Leberatrophie, einzelne Falle von Nephropathie, Lebensgefahr mit sich biingen können. Da diese Krankheiten sich nur ganz ausnahmsweise wiederholen und der Verlauf selbst in diesen Fallen, entsprechend der verschiedenen Intensität der Giftwirkung, ganz verschieden sein kann, so fehlt hier jeder Grund für eine Sterilisierung. Ich habe trotzdem diese Gruppe von Krankheiten erwahnen mussen, weil auch hier seitens der Aerzte gelegentlich --so vofl mir bei einem Falle von rezidivierender Hyperemese -dic Sterilisierung gewünscht wird. Die zweite Gruppe von Krankheiten, welche die Sterilisierung der Frau gelegentlich notwendig machen können, umfaßt chronisch verlaufende Zustände, welche aus einem fast oder ganz symptomlosen Intervall in der Schwangerschaft rezidivieren oder sich steigern und in späteren Schwangerschaften zu Lebensgefahr oder dauernder schwerer Gesundheitsschädigung zu führen imstande sind. Es sind Morbus Basedowii, Diabetes, Tetanie, OsteomaLaz i e , D e m e n t i a p r a e c o x. Auf eine gemeinsame Formel im Hinblick auf die Ursache des Rezidivs in der Schwangerschaft lassen sich alle diese recht differenten Krankheitszustände nicht bringexi. Zum Teil beruhen sie auf Störungen der inneren Sekretion; dazu rechne ich die Schwangerschaftsschübe beim Basedow, bei der Tetanie, Osteomalazie, Dementia praecox; zum anderen Teil handelt es sich wohl um toxische Einflüsse auf ein an und für sich krankhaftes zentrales oder peripherisches Nervengebiet, z. B. Epilepsie oder Chorea, Neuritis nervi optici, und schließlich können auch Störungen des Stoffwechsels in der Schwangerschaft den Anlaß zur Exazerbation geben, z. B. beim Diabetes. Wir können aber bei Aufstellung der Indikation vollständig von der Ursache der Rezidive und Exazerbationen in der Schwangerschaft absehen und allein die klinische Erfahrung darüber sprechen lassen, bei welchen Krankheitszustänclen in späteren Schwangerschaften mit Lebensgefahr oder schwerster Oesundheitsschädigung zu rechnen ist. Nach unseren Erfahrungen ist es bei folgenden Krankheitszuständen der Fall: Beim Morbus Basedowii kann man in 6-7 o/0 mit Rezidiven und schweren Erscheinungen in späteren Schwangerschaften rechnen, und zwar ausgehend vom Herzen. Die Sterilisation ist, abgesehen von der Seltenheit der Exazerbation, ebensowenig wie der künstliche Abort am Platz, weil die Strumektomie in der Schwangerschaft ebenso àicher die Gefahr abwendet und nebenbei das Grundleiden gunstig beeinflußt. Der Di a bete s kann zu Rezidiven führen, sei es, daß er schön vor der Schwangerschaft bestand oder erstmalig in der Schwangrschaft auftrat und nach Ablauf derselben vollständig verschw-and oder wenigstens erheblich zurückging. Nach den vorliegenden Erfahrungen über die Gefahr bei rezidivierendem Diabetes muß man sich dahin aussprechen, daß die intermittierenden Formen meist auch später günstig verlaufen, daß aber die nach der Schwangrschaft nicht wieder verschwindenden viel ernster aufzufassen sind und ant ehesten Lebensgefahr bringen können; hier wird man die Sterilisation nicht umgehen können. l)ie T e t a ni e führt so häufig zu Rezidiven in späteren Schwangerschalten, daß man eine bestimmte Form derselben, die rezidivierende 'I Vortrag. cehalten ru ve re n f wi se H e it kunde in Könisber i/Pr am 10. Novem-Dee Inelekationen zur kunstiichen Unterbrechung der Schwanggrschaft. Berlin IÇiS. ber 1919 Nummer 1 Donnerstag, den 1. Januar 1920 46-Jahrgang Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1192360 fatcat:eedsdxydt5dz7diixzfr26jjhy