Der Fall Arnold

F. Kehrer
1922 Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie  
Wie fast alle wiehtigen Gebiete der klinischen Psychiatrie, so steht vor allem die Paranoialehre zur Zeit im Zeichen der Umwertung der Werte. Aus durchsichtigen Griinden mul~ten gerade bier, wo es sich letzten Endes um eine Erkrankung der sozialen PersSnlichkeit handelt, die wertvollcn Entdeckungen der Freudschen Lehre als Here wirken, konnten die Fortschritte, die die kritisch eingestellte verstehende Psychologie des (normalen) Lebens in den letzten Zeiten brachte, nicht ohne tiefgreifende
more » ... e tiefgreifende Wirkung bleiben. Die bercchtigte Verdri~ngung einer in verdienstvollster Arbeit erschSpften "Flhchenpsyehologie" durch eine ernste "Tiefenpsychologie" hat der der Gefahr des Vertrocknens im nosologischen Schematismus ausgesetzten Paranoialehre neuen Lebenssaft zugefiihrt. Vieles, was bis dahin fast mit dogmatischer Sieherheit galt, hat vorweg durch die Arbeit der Gauppschen Schule eine starke Erschtitterung erfahren. Was wird diese Ersehfitterung iiberdauern, was wird an Stelle des unbrauchbar gewordenen Alten zu setzen sein? Das ist die Frage der Stunde, Bedi~chtigkeit ihr Gebot. Zun~chst einmal wird, so glauben wir, eine Voraussetzung erffillt werden mfissen, wie sie schon einmal an einem Wendepunkte der ParanOialehre, vor fast 20 Jahren yon S p e c h t , als Forderung gestellt wurde: Die Schaffung einer ganz neuen, den fortschrittlichen Ansprfichen der derzeitigen Psychologie gentigenden Kasuistik besonders geeigneter Einzelf~lle. Erst die minutiSse, yon Deuteleien sich fernhaltende Durchforschung der "Tiefenschnitte" durch solch pri~gnante Trigger 10aranoiseher Schicksale und ihre vergleichende Betrachtung unter Wiirdigung aller klinischen Allgemeinerfahrungen wird den unerschfitterlichen Aufbau einer neuen Paranoialehre erm6glichen. Eine miihselige Aufgabe ist zu 15sen; nut durch kritische Selbstlosigkeit und fast nur im Verzicht auf glitzernde "Schlu{~ergebnisse" wird sie zu bewi~ltigen sein. Ein Versuch in diesem Sinne soll die nachfolgende Studie sein. 156 F. Kehrer : Krankheitsdarstellung 1). Der 26j/thrige Student der katholisehen Theologie Siegfried Arnold wird durch seine debile, zaghaft-umst/indliche Schwester, die trotz eingehender Befragung nur von religiSsem GrSl~enwahn ihres Bruders zu berichten weiB, am 18. VI. 1919 laut 5rztlieher Aufnahmebescheinigung wegen religiSser Wahnideen der Klinik zugefiihrt. Nach A n g a b e n d e r M u t t e r , die einen/~uBerst umst/~ndlichen weitschweifigunklaren und debilen Eindruck macht und allem mit groSer Verst/indnislosigkeit gegeniibersteht, ist ein Bruder der Mutter mit 19 Jahren wegen geistiger Erkrankung einige Wochen in einer Anstalt gewesen. Eine Schwester der Grol~mutter miitterlicherseits ist mit etwa 50 Jahren nach etwa 2 j/ihrigem Aufenthalt, ein Vetter der Mutter, der mit 15 oder 16 Jahren geistig erkrankte, nach 10j/ihrigcm Aufenthalt in einer Irrenanstalt gestorben. Der Vater war starker Alkoholist und hatte in den letzten Jahren seines Lebens Eifersuchtswahn. Die Geburt des Pat. war schwer. Zuerst war er sehr kr/iftig und entwiekelte sich bis zum 4. Monat normal; dann schw/s lernte erst mit 2 Jahren gehen, sprechen zeitig; hatte immer einen sehr schwachen Magen. Eine Zeitlang Pavor nocturnus (kein Bettn/issen, keine Kr~mpfe). Auf der Schule sehr strebsam und fleil3ig, bester Schiller, stets still, sehr religiSs, im iibrigen aber von hcitercm Temperament. Nach Besuch von Elementarschule, Progymnasium, Knabenkonvikt, mit 19 Jahren Abitur (1912), dann zuerst Chemic und Hilttenkunde studiert. Nach 3 Semestern Studium August 1914 als Kriegsfreiwilliger eingetreten, zog er Oktober 1914 ins Feld, wurde bald schwer verwundet und bekam Wundstarrkrampf. Bis Mai 1915 im Lazarett, sp/tter 5 mal operiert. Nach Entlassung Anfang 1916 als kr. u. wieder Chemic studiert. Mul~te wieder wegen Beschwerden im verletzten Bein aussetzen. Auf Zureden der Mutter Berufswechsel; nach kaufmitnnischem Kurs einige Monate im Bankfach t/itig. Warf dort Ende Januar 1917 "Knall und Fall den Kram hin"; wurde fabelhaft religiSs, kaufte religi6se Bilcher, ging sehr viel zu den Sakramenten und aueh sonst in die Kirche, suchte die Familie in religi6sem Sinne zu beeinflussen, setzte alle Hebel in Bewegung, um die Erlaubnis zum theologisehen Studium zu bekommen, das er dann 4 Semester betrieb. (Damals hatte er viel Husten.) Aus finanziellen Griinden erteilte er nebenbei viele Privatstunden. J~uBert bald zu Hause, man halte ihn filr einen heruntergekommenen Studenten, und weiterhin man beobachte ihn auf Schritt und Tritt, was er mit einer "Verfehlung" in sexueller Hinsicht, einem Sexualverkehr nach einer "Carmen"Auffiihrung, in Beziehung brachte. Beichtcte diese etwa 10real, lief deshalb zu allen seinen Professoren, sprach davon, da$ er deshalb den Abschied bek0mmen werde, er passe nicht unter die Theologen; betete viel. Gegen Dezember 1918 verlor er die Lust am Studium. Im Examen philosophicum Januar 1919 trat er trotz guter sehriftlicher Leistungen yore "Milndlichen" zuriick, weft er bei den ersten Fragen versagte, und ging daraufhin auf ein Gut als Hauslehrer. Ostern und Pfingsten zu Hause verlangte er v o n d e r Mutter, sie solle Bettlcr am Tisch speisen, maehte dauernde Bekehrungsversuehe an den AngehSrigen, wollte sic vorbereiten, es werde etwas Furehtbares passieren, sie stiinden am Abgrunde, er wolle sic sehfitzen vor dcr Gefahr. Kurz nach Pfingsten gab er dicse Stelle auf. Zu Hause sprach er davon, dal3 er die Stimme des Heilandes hSre, lag auf den Knien, betete, brannte Kerzen, sang viel Heiligenlieder, war oft in Ekstasc, sah verkl/irt zum Himmel und hob die H/inde auf; aS dabei sehr stark, hiclt wie immer 1) Die Berechtigung zu einer bis auf unwesentliche Punkte vollst/~ndigen Wiedergabe des Krankenblattes --allerdings untcr teilweiser Umgruppierung der Teile --wird sich aus den sp/iteren Darlegungen ergeben. F. Kehrer : das Geheimnis, daB etwas Furchtbares passieren werde usw., zu /iuBern, zumal seine Angeh6rigen kein Verst/tndnis ftir seine Aufgabe hiitten. Es seien 2 grol]e P a r t e i e n , Leiter der einen sei er. Solange er hier sei, sei Waffenstillstand. Es kSnne niemand fiber seine AngehSrigen herfallen, solange sie ohne seinen Schutz seien. Seine Familie sei mitbeteiligt. Seine Ansichten seien im wesentlichen identisch mit denen des Zentrums. Doch handele es sieh darum, den riehtigen Geist in die Massen zu tragen. Das gesehehe von oben; Gott spreche zu den Menschen. Er selbst babe vorhin wohl eine zu hohe Meinung yon sich gehabt, er sei nur einer yon vielen, gewissermaBen primus inter pares. Im Felde sei er gels worden in einem 1/ingeren Zeitraum. Auf die Frage, ob er den AngehSrigen krank erschienen, antwortet er in iiberlegenem Tonfall: "Ich bitte Sie, meine Angeh6rigen, die haben doch gar kein richtiges Urteih" Behauptet dann wieder, seine Angeh6rigen sehr hoeh zu sch/itzen. Er habe die Schwester zu "seinem Werkzeug" machen, sie unter seinen Bann zwingen wollen, weft die ihm am n/ichsten stand. Meint, als er nach seiner neulichen Erregung gefragt wird, das h/inge mit seiner Neigung zusammen, sich immer verfolgt zu sehen. Er sei ein Sonderling gewesen, habe sieh abgeschlossen. Als Schuljunge sehon war er fast immer fiir sich allein, obwohl er auch Freunde hatte. Oft fiihlte er sich zuriickgesetzt, wenn er auch lustig und ausgelassen sein konnte. Er hatte ein sanguinisches Temperament. Im Alumnat hatte er oft Schwierigkeiten, den vorgesehriebenen Sozius zu finden. Obwohl das daran gelegen war, dab er sich jeweils nicht rechtzeitig naeh einem solchen umtat, meinte er damals, man meide ihn. Als Gymnasiast hatte er oft innerliche K/impfe, indem er auf seinen Zustand achtete; oft machte er sich Selbstvorwiirfe wegen Bummelns. Nach dem Abitur wollte er eigentlich zuerst Theologie studieren, aber noch nicht ins Konvikt gehen; studierte daher Philologie und da diese ihm nicht zusagte, Chemie und Hiittenkunde. Zuletzt als Hauslehrer t~tig gewesen. Im J a n u a r 1919 sei ihm veto Fiirstbischof auf eine Anfrage mitgeteilt worden, dab seine Eignung fiir den Seelsorgerberuf wegen seines kSrperlichen Leidens so zweifelhaft sei, dab er auf Zulassung zu den Weihen nicht mit Bestimmtheit reehnen kSnne. --Pat. unterbrieht die Exploration mehrfach mit der Bemerkung, er habe den Eindruck, dab man ihn gar nieht ernst nehme, er "miisse deeh sehr bitten". In seinem Verhalten zeigt er bisher eine eigenartige Mischung yon Spannung, Unsicherheit, Abwehrbereitschaft und Nachdenkliehkeit, aber keinerlei schizophrenen Ziige. 26. VI. Im allgemeinen freundlich und zutraulich, aber noeh etwas pointiert konventionell in Benehmen und Ausdruck. Beklagt sich fiber Seinen Aufenthalt im Absonderungsbau; gibt aber zu, dab er bei der Aufnahme "doeh etwas nerv6s" gewesen sei. Nach der Verlegung auf die ruhige Abteilung mischt er sich in allerlei Dinge ein, redet abstinierenden Kranken zu, sie miiBten essen und dergl, mehr, wird aber zusehends ruhiger, KuBerte selbst ein starkes Ruhebediirfnis, klagt dariiber, dab die Gedanken noeh so wirr durcheinander gingen. Sehlaf ohne Schlafmittel. Nach Verlauf yon weiteren 8 Tagen ist er vSllig ruhig und geordnet; er gibt nun zu, dal] seine ganzen Ansichten bis zu gewissem Grade Unsinn gewesen w~tren, d. h. ein richtiger Kern sei wohl sicher darin gewesen, aber er sei nicht der geeignete Mann dazu. --Weiter gibt er auf Befragen in lebhaftem Affekt an, dab er seinen Zustand vor und bei der Aufnahme jetzt als krankhaft, im Sinne nerv5ser Uberreizung auffasse: er habe eine Neigung, Dinge auf sich zu beziehen, die ihm wohl gar nicht gelten; er kSnne auch so schwer mit seinen Gedanken fertig werden ; er habe sich in Gedanken zu viel zugemutet. Spricht scharf pointiert, ringt mit dem Ausdruck. Dabei "foreiert" er entschieden sein "SelbstbewuBtsein". Als ihm am Ende miBlingt, sich so auszudriicken, wie er wohl will, wird er verwirrt, stockt, errStet. 18. VII. In den letzten Tagen still und leicht gedriiekt. Steht jetzt der akuten Phase mit anscheinend voller Krankheitseinsicht gegeniiber. (Bringt das auch z. B. in vSllig geordneten und korrekten Briefen an seinen theologischen Lehrer und an seinen Onkel zum Ausdruck: er sei auf dem falsehen Wege gewesen, werde sich Miihe geben, den richtigen zu finden; drtickt dies in einer Weise aus, die deutlich zu erkennen gibt, dab er durchaus noch daran zweifelt, auch wirklich den Weg zu tinden. "Wenn ich den Zustand, indem ich mich anfangs befunden habe, mit dem jetzigen vergleiehe, (muB ich) kann ich gliieklicherweise einen bedeutenden Fortsehritt feststellen. Damals stand's doch ziemlich schlimm um mich. Gegen-w~rtig ist's so, daI3 ieh mich ganz wohl fiihle. Ieh nehme aber bestimmt an, dai~ ieh in kurzer Zeit (2--3 Woehen) ganz gesund sein werde. Wie ich den Tag herbeisehne, kannst Du Dir ~delleicht denken. So ganz abgeschlossen zu sein yon der Welt, ist fiir die Dauer unertr~glich. Vor allem sehne ich mich naeh irgendeiner Ti~tigkeit. Wollte doch Gott, dab ieh endlich einmal verniinftig und ruhig meinen Lebensweg gehen kSnnte und diese Misere endlieh einmal ein Ende n~hme.") 30. VII. Klagt heute, dal3 es ihm nicht gut gebe und bittet um Unterredung unter 4 Augen. Bringt dabei vor, er glaube dadurch, dag er vom 16. bis 23. Jahrc m a s t u r b i e r t habe, seine Krankheit versehuldet zu haben. Auch sei er jetzt infolge der Unt~tigkeit in Gefahr, in das Laster zuriickzufallen. Meint zun~chst, dab die durch die Masturbation verursaehte Schw~chung rein physisch die Geistes-stSrung verursacht haben kSnnte. Als er dariiber beruhigt wird, h~lt er zuniichst noch daran Iest, dab mSglicherweise ein psychologischer Zusammenhang bestehen kSnne. Er habe immer unter dem Laster, von dem er nieht loskommen konnte, stark seeliseh gelitten, oft das Gefiihl gehabt --aus seinem sehlechten Gewissen heraus --, dal3 ihm die Leute die Onanie ansehen miiBten. "Daraus haben sich dann wohl die Verfolgungsideen entwiekelt." Uber sein L i e b e s l e b e n hat er in einem T a g e b u c h vom Lande aus dem August 1916 Aufsehlug gegeben: Er sehildert da die erwachende Lie be zur Tochter des Hauses in beweglichen, kindlieh unreifen Worten. In fast treuherziger Knabenmanier gibt er sich yon allen kleinen Erlebnissen und l~egungen Rechensehaft. "Noch nie habe ieh reich so wohlgefiihlt wie hier und die tIoffnung noch einmal geistig gesund zu werden, wird in mir yon neuem stark. An ihrem Wesen kSnnte ich noeh einmal genesen. Oft, wenn ich mit ihr am Tische sitzend sie fiir einen Augenblick verstohlen yon der Seite ansehe, dann falten sich wie yon selbst die H~nde unter dem Tisch: ,Herr, lag reich rein und gut werden, dab ieh ihrer wert und wiird'g bin.' Sobald ieh wieder in B. bin, werde ich die versi~umte Osterbeichte nachholen und von neuem beten lernen, ihr zu Liebe und ftir sie." Einmal schreibt er um Mitternacht: "Ieh habe keinen Schlaf linden kSnnen, zu sehr habe ich reich mit den Ereignissen des heutigen Tages besch~ftigen miissen, in deren Mitte sie steht . . . . Wie kSnnte es mir je gelingen, in Worten ein Bild von ihr zu m a c h e n . . . Purissima. geden Tag, den ich hier verlebe, fasse ich gute Vors~tze, meine religiSse Oberfl~chlichkeit aufzugeben und wieder fromm und gut zu w e r d e n . . . Lebt wohl, Leni, KKte, Wally usw., ich wiinsche Eueh allen von Herzen das Gliiek, das mir in diesen Tagen zuteil wird. Fortan soll mein Leben, meine Arbeit, mein Denken und Fiihlen nur ihr geweiht sein." Dann steigt die Unsicherheit auf, was sie wohl yon ihm denkt, ob ihre Mutter ihm vertraut: "Ob ich ihr wohl als Schwiegersohn genehm w~re, bezweifle ich immerhin und vielleicht werde ich diese siigeste aller Hoffnungen einmal begcaben miissen. Aber ich will k~mpfen um sie." Im Gottesdienst sieht er nur sie, "wKhrend des ttochamts bete ich um die FrSmmigkeit, die reich ehedem begltickte: Wie kalt erseheinen mir n~mlich die Gebete, die ich fiir sie und um das Gliick einer Vereinigung mit ihr zu G o t t emporsehiekte", und am Abend: "Es wogte und wallte bis in die Tiefen meiner Seele, es brandete in tausend 160 F. Kehrer : Wellen und lohte in unendlichen Feuern und uns/igliche Wonnen und Seligkeiten lieBen mich ins ticfste Herz erbeben. Dein ist mcin Herz, Dein soll es ewig bleiben": dcr letzte Tag in ihrer N/ihe. --In die klcinbfirgerlichen Verh/~ltnisse des miitterlichen Haushalts zurfickgekehrt, mcrkt er sehr lebhaft den Kontrast. Scin Wunsch, die Mahlzciten nicht wie hausiiblich in der Kfiche einzunehmen, ftihrt zu erregten Diskussionen wegen seiner Uberspanntheit, man habc schon lange den Gedanken crwogen, ob er nicht doch noch verrfickt werde wie der verstorbene Bruder. Er tr/iumt sich ganz aufs Land zuriick: W/ire ich frei! Wollte ein gtitiges Gcschick mich bald erlSsen. Er singt im Bade --so laut, dal~ sich Hausbewohnerinnen dran stoBen --das Lied vom H/s am griinen Rheim Die Ahlenkung kommt: neue Bcrufswahl. Auf Empfehlung w/ihlt er Philologie. Ein baldiges Wiedersehen mit der Angebetetcn in der Stadt, auf der StraBe, bei der Operette erzeugt eine kleine De p r e s s i o n, vielleicht auch eine kleine Abschw/ichnug der Empfindungen ihr gegcnfiber. Trotzdcm: reich des Glfickes der Liebe zu ihr freuen, wcnn es wie ein heiliges Feuer reich durchw/irmt, und falls es an innerer Glut nachlassen sollte, reich selbst seelisch zu diesem Gltick zwingen --das erscheint ihm sein L~itgedanke. Dann berichtet er yon der unbefriedigten Stimmung, die in ihm die B e i c h t e auslOste; er ergeht sich in Betrachtungen fiber die UnzulKnglichkeit dieser Einrichtung, fiber Schuld, Siihne, Vergeltung. Er sieht im Theater die Gretchen-tragOdie, darauf mul~ er sich fiber Furcht und Mitleid (Lcssing) Rechenschaft geben. "Die Furcht, die reich gestern (29. VIII.) und auch heute noch umfangcn h/~lt,/iul~erte sich in tiefster, trostloser Niedergeschlagenheit, in j a m me r vo 1 ls te r H o f f n u n gs 1 os ig ke it. Die Vergangenheit stieg vor mir auf wie ein gr/~$1iches reil~cndes Tier. Die Zukunft erschien mir ein von dunklen Schatten umhfillter Abgrund . . . Ticfstes innerstes Elend und grausigste Bangigkeit und bittcrste Verzagtheit lieten in meiner Seele nicht einen Hoffnungsschimmer aufkommen. Und ich dachte zuriick an eine in I. durchwachte Nacht, die grausigstc meines Lebens. Stunde um Stunde lag ich wach und marterte mein H i m mit verzweiflungsvollen Gedankcn . . . . und tin Bild, das mir das Blut zu Eis erstarren maehte, konnte ieh nicht bannen, mochte ich die Augen schlieten oder das Gesicht in den Kissen vergraben oder den Bhck starr an die Wand riehten. Gestern sah ieh im Schauspiel den Me p his to und damals --also vor dem Besuch dcr Faustvorstellung. Ref. --war's dieselbe Gestalt. Gr/tBlich war's und ich fiihlte den Wahnsinn in meinem Kopf: Er hielt mir cinen Strick entgegcn und winkte mir damit und schien zu sagen : "Du Tor, was qu/ilst du dich. Rettung ist nicht mehr ffir dich ! Sieh, der Balken ist nah, der die Last deines verfluchten Leibes tragen kSnnte." --Auch der Anblick der Natur, einer netten Mondlandschaft bringt ihm keinc Befreiung. --(In den Tagen der Wiedergesundung bleibt er im wesentlichen bei diescr Darstellung:) "Ich war in trostloser Stimmung, lange konnte ich nicht einschlafen. Da um 11 Uhr hcrum, es war noch nicht ganz finstcr, man konnte geradc noch etwas erkennen, mehr Dunkelheit als Zwielicht, hatte ich die Erscheinung: in der dunkelsten Eckc des Zimmers an stets derselben Stelle sah ich leibhaftig den scharf umrissenen Gesichtsausdruck des T e u f e l s , lauernd, rote Farbe, Augen ganz klar und deutlieh, H/inde, die eine hSher wie die andere haltend, statuenhaft und doch lebend. Ich m u t t c hinsehen, obwohl die Erscheinung nichts war, wenn ich wcgsah, wiederschen, ob sic nicht endhch weg sci. Eine rasende A n g s t, die furehtbarer tTbcrzeugung der Wirklichkeit, hielt mich ab, draufloszugehen; trotzdem hielt ich dem Anblick stand, in vollem Wachsein. Vom Blicke gebannt fiihle ich mich in der Rolle des Opfers des Tcufels, der mich verfiihren und zum Selbstmord trciben will, trod doch sage ich mir: ich laufe nicht wcg, ich gehe ebcn nicht drauf ein . . . . . und wie bin ich vcrblfifft, als ich einige Tage sp~ter auf
doi:10.1007/bf02869764 fatcat:7d4ks56seffupohnu77rtcdzte