Perforation oder Kaiserschnitt?

1902 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Auf Grund eines glücklich verlaufenen Falles möchte ich mir gestatten, die Diskussion anzuregen über die gerade für den meist allein stehenden Praktiker auf dem Lande hochwichtige Frage des Verhaltens bei denjenigen Graden der Beckenverengerung, bei welchen die sogenannte relative Indikation zum Kaiserschnitt vorliegt, beziehungsweise die Wahl zwischen Perforation und Kaiserschnitt in Frage kommt. Ich hoffe umsomehr auf lebhafte Betheiligung, als vor einiger Zeit Professor Nagel (Berlin) einen,
more » ... gel (Berlin) einen, so weit ich mich erinnere, ebenfalls hierher gehörigen Fall (der Ort der Veröffentlichung ist mir leider nicht mehr gegenwärtig) veröffentlichte und das von mir empirisch eingeschlagene Verfahren die Umkehrung des dort angegebenen war. Die Geburtsgeschichte war kurz folgende: Frau Z., 5 Jahre, I-Para. Die 1Tehen begannen am Morgen, waren zunächst krLftig, der Muttermund erweiterte sich bald; gegen Abend fliesst das Fruchtwasser ab, und die Nabelschnur fällt vor. Die pflichtgemäss von der Hebamme geforderte Zuziehung des Arztes wird zunächst abgelehnt und erst am nächsten Morgen gestattet. Als ich zu der Kreissenden kam, fand ich die Situation folgendermaassen : Webenthätigkeit sehr gering, Nabelschnur vorgefallen, liegt zum Theil vor der Scheide, ist pulslos, missfarbig. Es besteht übelriechender Ausfluss, Fieber, beschleunigter Puls. Die Beckenmessung ergiebt plattes Becken mit einer Conjugata diagonalis von 7, 8, also Beckenverengerung ca. G cm. Muttermund völlig erweitert, Kopf beweglich über dem Beckeneingang, Pfeilnaht ziemlich im queren Durchmesser, etwas mehr nach dem sehr stark einspringenden Promontorium. Die Indikation zur Beendigung der Geburt war durch den Zustand der Mutter eine dringende, und es fragte sich nur, welche Methode zu wählen; die Rücksicht auf das Kind fiel ja fort. Der Kaiserschnitt wurde, wie meist in solchen Fällen, abgelehnt und dürfte auch wohl angesichts der schon bestehenden Zersetzung des Uterusinhalts quoad Infektion des Peritoneums zu riskant gewesen sein; es blieb also die Wahl zwischen Wendung und Perforation, beziehungsweise der Combination beider. Bei der schwachen Wehenthtigkeit und der Beweglichkeit des Kopfes sowie Fehlen des Contraktionsringes lag es nahe, zunächst zu wenden. Eine nochmalige Abtastung des Kopfes erweckte indess den Eindruck, dass derselbe was sich nachher bestätigte -sehr voluminös sei, und ich nahm deshalb als sicher an, dass auch der nachfolgende Kopf unperforirt nicht durch das Becken gegangen wäre. Deshalb machte ich zunächst die Perforation des vorhergehenden Kopfes, die bei manueller Fixirung ohne Schwierigkeit gelang, und versuchte mittels Kranioklast zu extrahiren. Dies erwies sich als gänzlich aussichtslos, da der Kopf absolut nicht folgte und bei stärkerem Zuge die Kopiknochen ausrissen. Es blieb nur übrig zu wenden, und ich war überrascht, mit welch' spielender Leichtigkeit jetzt Wendung und Extraktion in einem Zuge gelangen. Das Wochenbett verlief begreiflicherweise nicht normal, bot indessen ausser einem mässigen parametritischen Exsudat nichts besonderes. Ich wende mich nun zur Besprechung der eventuell aus diesem Fall zu ziehenden Consequenzen. Wie aus der Geburtsgeschichte ersichtlich, lege ich den Hauptwerth darauf, dass erst perforirt und dann gewendet wurde. In dem von Prof. Nagel veröffentlichten Falle ist derselbe umgekehrt vorgegangen ; es wurde dort sowohl die Wendung als auch die Perforation des nachfolgenden Kopfes, so weit ich mich erinnere, als »schwieri" bezeichnet. Allerdings wurde wohl der betreffende Fall nicht zur Erörterung der einzuschlagenden Methode veröffentlicht, sondern um zu zeigen, wie sich die Perforation des nachfolgenden Kopfes dadurch erleichtern lasse, dass man zur Gewinnung leichteren Zugangs zum Kopfe den Rumpf des Kindes gegen den Leib der Mutter beuge. Dies ist richtig, und ich habe bei einer Perforation des nachfolgenden Kopfes bei allgemein gleichmässig verengtem Becken dasselbe Manöver nach vielen vergeblichen Versuchen ebenfalls mit Erfolg angewendet. Gleichzeitig weiss ich aber auch, dass die Perforation des nachfolgenden Kopfes, worin mir gewiss viele Collegen beistimmen werden, keineswegs zu den Genüssen gehört und nicht etwa, wie Schröder sagt, nicht schwerer ist als die des vorangehenden". Nach theilweiser Entleerung des Uterus durch die Wendung zieht sich derselbe ja meist zusammen und presst den Kopf so fest ins Becken, dass man bei den in solchen Fällen doch meist ohnehin schon engen Raumverhältnissen faktisch kaum weiss, wie man trotz aller Kunstgriff e zu einer für die Perforation günstigen Stelle ohne erhebliche Verletzungen der mütterlichen Weichtheile gelangen soll. Dagegen habe ich eigentlich noch nicht gefunden, worin die Schwierigkeit der Perforation des vorangehenden Kopfes besteht; selbst wenn derselbe noch beweglich ist, gelingt die Fixirung auf dem Becken durch eine nicht gar zu ungeschickte Hebamme doch stets, und die Perforation hat mir bei eventueller Einführung der halben oder ganzen Hand noch nie Schwierigkeiten geboten. Wer gleich mir durch die Praxis zu demselben Ergebniss gekommen ist und daher dieser Deduktion zustimmt, wird es vielleicht begreiflich finden, dass ich auf Grund obigen Falles in einem ähnlichen es vorziehen würde, erst zu perforiren und dann, wenn nöthig, zu wenden. Ich möchte also die zur Diskussion zu stellende Frage etwa so formuliren: "Empfiehlt es sich nicht, bei Beckenenge dritten Grades, falls der Kaiserschnitt aus irgend einem Grunde nicht angängig, bei lebendem 17. Juli. DEUTSCHE MEDICINISOHE WOCHENSCEIRIFT. 52 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1138824 fatcat:s4xk5yvhqbb6vfcyxecofglvcm