Interview mit Julia Franck

Simone Costagli, Julia Gruber
2017 Modern Languages Open  
Interview mit Autorin Julia Franck uber ihren Roman "Die Mittagsfrau". Die Autorin diskutiert mit den Interviewern über Themen und Formen ihres Familienromans. Q: Zunächst bin ich am Verhältnis zwischen Familie und Literatur interessiert, was gerade das Hauptthema dieses Projekts ist. Die Mittagsfrau geht genauso wie Lagefeuer teilweise auf Ereignisse und Figuren zurück, die zu Ihrer Autobiographie und zu Ihrer Familiengeschichte gehören. Warum ist Ihre Familienerinnerung für Sie als
more » ... Sie als Schriftstellerin so wichtig? A: Ich glaube, dass man grundsätzlich Schriftsteller ganz grob in zwei verschiedene Gattungen unterteilen kann: es gibt die Flâneure, die nach draußen gehen, sich ins Kaffeehaus setzen oder in die Landschaft, und dort Studium betreiben und das zum Gegenstand ihres Schreibens machen. Das waren auch manche der besten Feuilletonisten der zwanziger Jahreman denkt an Alfred Kerr oder Döblin. Und es gibt die anderen, wie Büchner, wie Kafka, wie Wolfgang Hilbig zum Beispiel, die aus einer inneren Notwendigkeit heraus, letztlich immer um das Eigene schreiben. Um "das Eigene" heißt das Autobiographischeund das ist manchmal mehr oder weniger klar erkennbar. Man kann dann so einen Roman wie Das Provisorium natürlich als "Liebesroman" bezeichnen, um ihn gut etikettiert an Leser zu bringen, so wie man Die Mittagsfrau als "Familienroman" bezeichnen kann, um ihn gut etikettiert an Leser zu bringen. Aber hinter beiden, egal was im Klappentext steht, verbergen sich, glaube ich, Texte, die immer aus so einer inneren Notwendigkeit heraus geschrieben sind. Das betrifft alles Autobiographische, was mich seit ich denken kann, zum Schreiben anregt, das hat natürlich etwas mit der eigenen Familiengeschichte zu tun. Das hat aber auch mit etwas jenseits des Autobiographischen oder Biographischen zu tun, d.h. nicht nur mit chronisch nachvollziehbaren und auch festlegbaren, recherchierbaren Daten, sondern auch mit Erfahrungen, die als Empfindung in mir verankert sind, die wiederum dann in den fiktionalen Bereichen oder Passagen des Romans zu finden sind. Das sind Erfahrungen mit anderen, äußeren Bildern also in einer sozusagen verfremdeten Form dargestellt, natürlich wie der ganze Roman ja eine Verfremdung istdurch die Dramaturgie, durch die Figurenerfindung, durch die Räume, die in meinem Fall oft entschieden anders sind als die, die ich im Alltag um mich habe, das sind nicht Räume, die ich irgendwo schon mal gesehen habe und fotografieren könnte und dann nachbeschreibe, sondern das sind tatsächlich innere Räume, die mir als innere Bilder wie nächtliche Träume entstehen und trotzdem sind sie in meinem Hirn entstanden und meiner Erfahrung, meinem Assoziationsraum, der zu dieser bestimmten autobiographischen Erfahrung gehört, entsprungen und insofern würde ich auch in so einem Fall wie Hilbig oder auch für mich ganz klar sagen, dass ich nicht diese sprachliche Trennung Costagli and Gruber: Interview mit Julia Franck 2 zwischen Fiktion und Realem voraussetze oder schaffe, sondern, es gibt eigentlich für die meisten Schriftsteller, auch für die Flâneure, keine stärkere Identität zu ihrem Selbst, als Mensch, als Autor, als die zwischen ihrer Funktion und dem Ich. Ich glaube, dass es nichts Subjektiveres, nichts mit dem Autor Identischeres gibt, als eine Fiktion. Q: Und wie spielt das in die Darstellung der Familie hinein? Wie man seine eigene Familie sieht ist nur fiktionalwird das nur wirklich durch die Fiktion? A: Ich würde sagen, es gibt eine wahre Begebenheitmit "wahrer Begebenheit" meine ich so etwa wie bei der Mittagsfrau, dass mein Vater 1945, wie der Peter im Roman, auf einem Bahnsteig stehengelassen wurde. Das ist eine wahre Begebenheit, die ist so überliefert. Die Lebensdaten meines Vaters, und bestimmte Lebensdaten meiner Großmutter, die ich nie kennengelernt habe, kann ich auch allein anhand von Stadtbüchern, Geburtsurkunden, Sterbeurkunden und so weiter recherchieren. Dazwischen, erzählbar, wie es auf diesem Bahnhof aussieht, wie das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn sich anfühlt, entwickelt, was der Sohn wahrnimmt, wie er seine Mutter sieht, wie er sie liebt, wie er seine Abhängigkeit von ihr beschreibt, und diese Abhängigkeit und Liebe verletzt wirddas sind, sozusagen, unerklärbare Erfahrungen, die mit ganz persönlichen, inneren Bildern im Zusammenhang stehen und aus denen heraus ich sozusagen der Geschichte ein äußeres Kleid, ein Kostüm, verleihe. Oder überhaupt eine Geschichte gebediese Erfahrung des Verlassenwerdens, der notwendigen Autarkie, und der Selbständigkeit, die nicht eine freie zu Liebesbeziehungen fähige Selbständigkeit werden wird, sondern eine in dieser Autarkie erstarrte und in dieser Autarkie auch verhaftete, die dieser Peter entwickeln muss, wenn man den Epilog des Romans liest, dass er kein Mensch wird, der freie und fließende Liebesbeziehungen, überhaupt freundschaftliche Beziehungen, aufbauen wird können, weil für ihn diese Autarkie aufgrund der Verletzung entstanden ist. Q: Vielen Dank für das Gespräch.
doi:10.3828/mlo.v0i0.132 fatcat:kondnkeqdnb3paonretszsgjxy