Polit-Serien im Fernsehen: Gegenstandsbestimmung, Stand der Forschung und neue Perspektiven

Andreas Dörner, Stefan Heinrich Simond, Niko Switek, Mediarep.Org
2019
EINLEITUNG Polit-Serien erleben derzeit im internationalen Fernsehen eine ausgeprägte Konjunktur. Vor allem in den USA gibt es kaum einen bedeutsamen TV-Anbieter, der keine eigene politische Serie produziert oder in den letzten Jahren gesendet hat. Dabei werden einerseits zahlreiche US-Produktionen in europäische Medienkulturen exportiert und andererseits dienen europäische Produktionen als Inspirationsquellen für US-amerikanische Formate. Der internationale Erfolg von Polit-Serien wie The West
more » ... Serien wie The West Wing und House of Cards deutet darauf hin, dass Produzenten wie Rezipienten die seriell-fiktionale Konstruktion politischer Welten und Akteure für besonders relevant und/oder erfolgversprechend halten. Der folgende Beitrag möchte das Forschungsfeld fiktionaler Konstruktionen des Politischen im Format von Fernsehserien knapp umreißen. Dazu wird zunächst eine kurze Gegenstandsbestimmung formuliert, um im zweiten Schritt die einschlägige Forschungsdiskussion im deutsch-und englischsprachigen Raum darzustellen. Der dritte Teil entwirft dann ein interdisziplinäres Forschungsprogramm, das die bisher vorliegenden Perspektiven auf innovative Weise erweitern kann. | Dörner/Simond GEGENSTANDSBESTIMMUNG: WAS SIND POLIT-SERIEN? Eine Polit-Serie ist eine in Episoden und Staffeln unterteilte, fiktionale und audiovisuelle Erzählung über politische Wirklichkeiten. 1 Mit 'politischen Wirklichkeiten' sind dabei zunächst politische Zusammenhänge im engeren Sinne gemeint: Geschehnisse, die mit politischen Institutionen und Akteuren wie Regierungen und Parlamenten, Präsidenten, Parteien und politischen Journalisten, Geheimdiensten und Spionage zu tun haben. Teilweise wird bei dem Begriff 'Polit-Serie' auch ein weiterer Politikbegriff zugrunde gelegt, sodass Serien, die sich mit Macht und Herrschaft sowie mit Kämpfen um Anerkennung befassen, ebenfalls einbezogen werden. In diesem Sinne können Produktionen wie die Lindenstraße und Game of Thrones ebenfalls als Polit-Serie bezeichnet werden. Der kommunikative Geltungsanspruch einer Serie ist ein anderer als der eines Berichts oder einer Reportage. Die Erzählung ist gerahmt wie eine Als-ob-Welt, vergleichbar einem Spiel, bei dem alle wissen, dass es eine zur Alltagswelt differente Wirklichkeit konstruiert (Huizinga 1938(Huizinga /2004. Und dennoch bleibt sie stets auf die Alltagswelt bezogen. Gerade dieser Rückbezug, der ständige Vergleich zwischen fiktionaler Welt und außermedialer Alltagswelt begründet die Relevanz der erfundenen Wirklichkeit einer Serie. 2 Entscheidend ist, dass Polit-Serien keine Dokumentationen oder Teile der journalistischen Berichterstattung sind, sondern Unterhaltungsformate. Somit sind sie der Verpflichtung auf Faktizität entbunden. Stattdessen können sie sich, Chuck Tryon (2016) zufolge, darauf konzentrieren, kohärente Erzählungen zu vermitteln, deren sinnstiftendes Potenzial in dem Maße bedeutsamer ist, in dem die journalistische Berichterstattung von der Bevölkerung als fragmentiert wahrgenommen und deren Wahrheitsgehalt in Zweifel gezogen wird. Polit-Serien müssen, um den dramaturgischen Anforderungen gerecht zu werden, verkürzen, verdichten, zuspitzen und beschleunigen. Alles passiert schneller, einfacher, eindeutiger als in der alltäglichen Wirklichkeit. Sie wollen mit dramaturgischen Mitteln unterhaltsame Spannungsbögen oder amüsante Situationskomik produzieren -und sie dürfen doch bei aller Zuspitzung den Kontakt zur außermedialen Wirklichkeit nicht verlieren, sonst erscheinen sie belanglos. Die Balance zwischen Unterhaltungswert und Realitätsbezug ist der Drahtseilakt, den politische Serien leisten müssen, um Erfolg zu haben.
doi:10.25969/mediarep/12354 fatcat:6t64rm7cxbhrfjnbx3f47jn7mu