Heilung der Erscheinungen der Kriegshysterie in Wachsuggestion

Ludwig Mann
1917 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Breslau. In Nr. 15 dieser Woohenschrift beschreibt Oehmen eine von ihm ausgearbeitete Methode suggestiver Heilung hysterischer Erscheinungen, bei welcher eine besondere Anwendung des faradischen Stromes eine wesentliche Rolle spielt.. Er wendet den Strom nicht, wie Kaufmann, in hoher Intensität mit lebhafter Schmerzerregung an, sondern in ganz milder Form als "Objektsuggestion", in dem Sinne, daß er dem Kranken den zu erzielenden Erfolg mittels des faradischen Stromes zeigt, also z. B. durch
more » ... t, also z. B. durch Reizung der Antagonisten eine Kontraktur behebt oder eine Lähmung ausgleicht oder das Zittern der Glieder durch faradische Tetanisierung ausschaltet. Als weiteres suggestives Moment der Faradisation führt er das Bewußtsein des Patienten an, daß der faradisehe Strom gegebenenfalls in verstärkter Form zur Erzwingung des Willens zur Heilung in Reserve sei. Diese Art der Anwendung des faradischen Stromes ist mit Unterstützung von passender Verbalsuggestion und gleichzeitigen Uebungen in der Tat ein außerordentlich wirksames Mittel bei Behandlung hysterischer Erscheinungen, sowohl Lahmungen wie Kontrakturen, Sohüttelkrämpfe u. dgl. mehr. Ich selbst wende diese Methode schon seit vielen Jahren mit dem besten Erfolge an und habe sie 1911 ausführlich beschrieben in dem Handbuch der gesamten medizinischen Anwendungen der Elektrizität.1) Ich habe auf diese f riihere Publikation kürzlich nochmals hingewiesen in einem Vortrage über die Behandlung der Kriegsneurosen5). Ich beschrieb schon 1911 die Methode ganz in dem Sinne,wie jetzt O ehme n, indem ich sagte, daß bei der Suggestivwirkung der faradisohen Behandlung neben der schmerzerregenden hauptsächlich die "funktionserweckende" Eigenschaft des faradischen Stromes in Betracht käme, indem man imstande sei, durch die elektrische Einwirkung diejenigen Funktionen auszulösen, welche dem Patienten verlorengegangen sind, und ihm dadurch gewissermaßen ad oculos zu demonstrieren, daß er die Fähigkeit effektiv noch besitze, und ihn so zur tatsächlichen Leistung anspornen könne. (Auslösung von Kontraktionen in hysterisch gelähmten Gliedern, Ueberwindung von Kontrakturen durch Faradisation der Antagonisten, Stillstehen der zitternden Glieder durch Toithierung der Muskulatur u. dgl.) Die gleichzeitige Aufforderung zu aktiven Uebungen und die Anspornung des Patienten dadurch, daß ihm event, eine Verstärkung des Stromes in der nächsten Sitzung in Aussicht gestellt wird, ,führtè ich ebenfalls ausführlich an. Ich würde es nicht für nötig gehalten haben, auf diese meine frühere Beschreibung der Methode aufmerksam 'zu machen, wenn nicht in letzter Zeit noch zwei weitere Aufsätze erschienen wären, welche ausgezeichnete Erfolge von der "Oehmenschen Methode" berichten. Nämlich einmal ein Aufsatz von Schüller (diese Wochensehrift Nr. 21) und zweitens von 011enci orf3). Der letztere Autor gebraucht sogar den von mir angewen. deten Austhuek "Funktionserweckung", ohne sich auf meine Ausein-') Bd. 2 Hälfte 2 s. 612 ff. 2) B. k!. W. 1916 Nr. 50. -3) Aerztl. Sachverständ.-Ztg. Nr. 9. andersetzungen zu beziehen. Jedoch soll nicht die Betonung meiner Priorität, welche Oehmen entgangen it (er sagt ausdrücklich, daß ihm bei Durchsicht der Literatur "fast nichts Brauchbares aufgestoßen sei"), der Zweck dieser Zilen sein, vielmehr halte ich es im Interesse der Sache gelegen, nochmals auf die wirklich ausgezeichnete Wirksamkeit dieser Methode aufmerksam zu machen. Das suggestive Beiwerk wird sich bei Ausführung dieser Methode natürlich jeder nach seinem Belieben und seinem Geschmack zurechtmachen, und es ist zuzugeben, daß es von Oeh me n offenbar in vortrefflicher Weise ausgearbeitet worden ist. Das Wesentliche bleibt aber bei dem Verfahren die auggestive Anwendung des faradisohen Stromes ohne erhebliche Schmerzerzeugung in dem Sinne einer Erweckung und Demonstration der auf hysterischem Wege verlorengegangenen Funktionen. Dieses Prinzip hat sich bei mir schon seit vielen Jahren und ganz besonders in den letzten Jahren bei Behandlung der Kriegshysterie als außerordentlich wirksam erwiesen. So gute Erfolge wie Oehmen und seine Nachfolger (fast 100% Heilungen meist in einer Sitzung) habe ich allerdings nicht. Es ist mir doch eine ganze Anzahl von Versagern begegnet. Ich führe dies hauptsächlich darauf zurück, daß die suggestive Wirksamkeit der Elektrisation in manchen Fällen völlig zunichtegemacht wird durch das vorangegangene, gedankenlose, jeder Suggestivkraft entbehrende Elektrisieren in anderen Lazaretten. Aus diesem Grunde darf man sich nicht auf die elektrische Suggestion festlegen, sondern muß stets noch andere beliebig variierbare Suggestivmethoden in Bereitschaft haben. Ganz besonders eignet sich in solchen Fällen die Roth mannsehe Narkosemethode, über die ich mich in einem bereits vor mehreren Monaten gehaltenen, aber erst demnächst erscheinenden Vortrage ausgesprochen habe. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1209751 fatcat:4zyhfpiimbgkhccodz7zhgufki