Vergleichende Lichtmessungen

Fritz Schanz
1916 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Das Bedürfnis, das Licht unserer künstlichen Lichtquellen untereinander zu vergleichen, hat zur Ausbildung der Photometrie geführt. Man hat eine Lichteinheit geschaffen. In Deutschland ist es die Hefner. kerze. Zahlreiche Instrumente gestatten, das Licht der verschiedensten Lichtquellen mit dieser Lichteinheit zu vergleichen. Allen Vergleichen haftet ein Fehler an. Das Lieht ist ein Gemisch von Strahlen. Bei gleichem Eindruck auf das Auge kann es verschiedenartig zusammengesetzt sein. Urn
more » ... tzt sein. Urn genaueren Einblick zu erhalten, müßte man es spektral zerlegen. Bei den üblichen photometrischen Messungen wird davon abgesehen, weil es für den Zweck, zu dem diese Messungen ausgeführt werden, genügt, die Gesamthelligkeit des Strahlengemisches festzustellen. In neuerer Zeit hat man erkannt, daß das Licht als Heilmittel von großer Bedeutung ist. Das Licht wirkt als chemischer Reiz auf die lebenden Zellen, die es absorbieren. Hier ist nicht die Wirkung des Lichtes auf die Sinnesepithelzellen der Netzhaut maßgebend, sondern seine Eigenschaft als chemischer Reiz auf die lebenden Gewebe, auf den lebenden Organismus. Als solcher wirken nicht nur die sichtbaren, sondern in noch erhöhtem Maße die unsichtbaren Strahlen. Es wird jetzt auch nötig, die unsichtbare Strahlung der Lichtquellen vergleichend zu messen. Die Hefnerkerze bei solchen Messungen als Norniallicht zu verwenden, wird unmöglich, da ihr Lieht keine ultravioletten Strahlen enthält. Die für die Photometrie der sichtbaren Strahlen gebräuchlichen Instrumente versagen. Ich habe mir nach dem Prinzip des Königschen Spektraiphotometers einen Apparat mit Quarzoptik bauen lassen, um die Absorption der Augenmedien im ultravioletten Teil des Spektrums zu messen. Dieser Apparat gestattet, auch die unsichtbaren Strahlungen zweier künstlicher Lichtquellen spektral zu vergleichen. Für die Lichtbehandlung handelt es sich jetzt vor allem darum, die-Intensitäts. schwankungen der Sonnenstrahlung zu ermitteln. Dazu ist der Apparat wenig geeignet. Es wird nötig, nach geeigneteren Hilfsmitteln für solche Messungen zu suchen. Das lehrt auch die Studie von Dr. phil. Dorno), der es in Davos unternommen hat, die Sonnenstrahlung zu messen, ihre Intensitätsschwankungen am Tage und im Jahre festzustellen. Er findet dort im Winter nur ganz minimale ultraviolette Intensität. Das steht in Widerspruch mit unseren Beobachtungen, und es ist deshalb zu prüfen, wie er ZU diesem Ergebnis gelangt. Domo teilt die Gesamtstrahlung der Sonne ein in : Wärmestrahlung, Helligkeitsstrahlung, blauviolette und ultraviolette Strahlung. Seine Untersuchung über die Wärmestrahlung kann hier unberücksichtigt bleiben. Die Helligkeitsstrahlung mißt er mit dem Weberschen Photometer. Als Yergleichslicht benutzt er die Hefnerkerze, eine der winzigsten irdischen Lichtquellen, deren Farbe schon zeigt, daß die Zusammensetzung des Lichtes erheblich von der des Sonnenlichtes abweicht. Also schon mit bloßem Auge sieht man den Fehler. Wie groß muß er erst werden, wenn er sich eutsprechend der verschiedenèn Intensität der zu vergleichenden Lichtquellen verhunderttausendfacht. Die blauviolette Strahlung mißt er mit der photographischen Methode Der dabei wirksame Spektralteil hängt ab von der Reaktionsfähigkeit des angewandten Bromsilberpapiers. Die Empfindlichkeit desselben reicht vom Blau bis zum äußersten Ultraviolett. Domo hätte das ganze Ultraviolett als blauviolette Strah. lung mitgemessen, wenn ihm dabei nicht noch ein FehLer untergelaufen wäre. Das Licht hatte nämlich, ehe es zu dem Bromsilberpapier gelangte, eine Milchglasplatte zu passieren. Wie weit diese Glasplatte das ultraviolette Spektrum verkürzte, ist in seiner Studie nicht angegeben, es heißt bloß, daß si bis unter À 366 noch gut durchlässig war. Gewöhnliches Glas ist bis 320-300 durchlässig. Die Angabe D or no s (S. 13 seiner Studie) : "Fensterglas absorbiert alle ultravioletten Strahlen", ist irrig. Seine Mattglasplatte hat nicht nur, wie er in seiner Retgegnung angibt, das Licht diffus gemacht, sondern auch einen Teil des Ultraviolette abgeschnitten. D or no hat als blauviolette Strahlung den größteu Teil des Tlltravioletts mitgemesseu2). Aber das ist nicht der einzige Mangel dieser Messung. D o r n o hat die Schwärzung cies Bromsilberpapiers, welche das Sonnenlicht nach Passierung des Mattglases erzeugte, verglichen mit der Schwärzung, welche das Licht der Hefnerkerze hervorrief. Das Spektrum der Hefnerkerze reicht aber-nur bis X 400. Es reicht also lange nicht so weit wiü die Sonnenstrahlung, die er durch die Mattglasplatte auf das Bromsilberpapier einwirken ließ. Der Abschnitt des Tageslichtes, den er mit dieser Methode messen wollte, läßt sich garnicht vergleichen mit dem der Hefnerkerze. Die ultraviolette Strahlung hat Domo mit dem von Elster und Geithel angegebenen Zinkkugelphotometer gemessen, dieses fängt erst bei etwa À 360 an empfindlich zu werden, bei ) 330 steigt die Empfindlichkeit erst merklich an. Mit dieser Methode läßt sich das gesamte Ultraviolett auch nicht ausmessen. Die Untersuchungen sind von D orno mit großem Eifer durchgeführt. Seine Rèsultate decken sich aber nicht mit den medizinischen Beobachtungen. Wir Aerzte schicken jetzt die Patienten in den Wintermonaten in das Hochgebirge, und wir glauben, daß das. Licht bei diesen Kuren den wichtigsten Heilfaktor bildet. Vor allem sind es die ultravioletten Strahlen, denen wir die Hauptwirkung zuschreiben. Wir gehen so weit, daß wir in der Tiefebene künstliche Lichtquellen zu gleichem Zwecke verwenden, deren ultraviolettes Licht noch stärker wirkt als das der Sonne im Hochgebirge. Ja, man geht sogar soweit, daß man dabei die sichtbare Strahlung nicht nur vernachlässigt, sondern durch blaue Filter noch vermindert. Domo fand nun bei seinen Lichtmessungen in Davos (S. 31 seiner Studie): "Im Winter recht bedeutende Wärmeintensität bei ganz minimaler ultravioletter." Wir Aerzte haben bei unseren Beobächtungen an unsern Kranken mit den mannigfachsten Einwirkungen zu rechnen. Die Physik arbeitet mit viel exakteren Methoden, darum sind wir Aerzte gewöhnt, unsere Beobachtungen unterzuordnen, wenn Methoden der exakten Naturwissenschaften Resultate ergeben, die mit unseren Beobachtungen in Widerspruch stehen. Wer die Arbeit von D orno liest und das oben zitierte Resultat sieht, der muß Zweifel bekommen, ob das ultraviolette Licht im Hochgebirge wirklich der Heilfaktor ist, für den wir es ansehen. Mich haben diese Zweifel veranlaßt, die Methoden, die D orno angewandt hat, näher anzusehen, und ich bin dabei zu der Ueberzeugung gekommen, daß hier das. Auge des Arztes bosser mißt als die Apparate, mit denen Domo gearbeitet. Ueber den Gehalt des Lichtes an ultravioletten Strahlen dürften die in Fig. 1 abgebildeten Tagoslichtepektren einigen Aufschluß geben. Die Spektren stammen zwar nicht aus dem Hochgebi'ge, ich habe sie mit einem Quarzspektrographen am 24. Januar 1910 uni '/22 Uhr bei klarem Himmel in Dresden aufgenommen. Der Apparat war dabei etwa 300 über dem Horizont gegen den blauen Himmel eingestellt. Fast. die Hälfte der Spektren ist von ultraviolettem. Licht erzeugt. Das ist eine ') Studie über Licht tindLiift dós Hochgebirges. Braunschweig 1911. ) Fritz Sobanz M. zu. W. 1915 Nr. 48. . . lo'. Mai 1916. DEUTSCHE MEDIZINISChE WOOHENSCIIRIFT. 601 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1135145 fatcat:woybo25mizdhtelxgbuxiold6q