Ueber das Wesen der Tuberkulinreaktion1)

H. Selter
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Ueber die Entstehung der Tuberkulinreaktion, die meist als Amikörperreaktion aufgefaßt wird, sind mehrere Theorien aufgestellt worden, von denen aber keine allgemeine Anerkennung gefunden hat. Daß die Reaktion nicht durch im Blut geIöst Antistoffe . (Antikutine von P j k e r t und L ë w e n s t e j n) entsteht, wurde einwandfrei durch die Untersuchung von Aronson und Sorgo festgestellt. Nach B a i 1 soll es sich um sessile Rezeptoren handeln, die im tuberkulösen Gewebe sitzen und mit diesem
more » ... iv auf gesunde Meerschweinchen übertragen werden können, bei denen sich dann eine Tuberkulinüberempfindlichkeit nachweisen ließ. Diese Beobachtungen konnten in zahlreichen eigenen Versuchen nicht bestätigt werden; es zeigte sich, wie schon andere Forscher gefunden hatten (Joseph, Kraus, Löwenstein und Volk, Dold), daß die Uebertragung von solchen Mengen Organ, wie es B a i I fordert, an sich schon recht beträchtliche Krankheitserscheinungen verursacht, die in vielen Fällen zum Tode führten und durch nachträgliche Einverleibung von Tuberkuhn nur unwesentlich gesteigert wurden. In weiteren Versuchen sollte festgestellt werden, ob überhaupt eine Verbindung von Tuberkuhn mit dem tuberkulösen Zeilgewebe eintritt. Zu diesem Zweck wurden Emulsionen von tuberkulösen Organen mit Tuberkulin, zum Teil auch in Verbindung mit Komplement gemischt; die Mischung blieb I Stunde bei 37° im Wasserbad, dann wurde zeiitrifugiert, die überstehende Flüssigkeit (Filtrat) abgenommen und der Bodensatz mit Kochsalziösung gewaschen. Die Filtrate und gewaschenen Organemulsionen wurden gesunden und tuberkulösen Meerschweinehen intraperitoneal eingespritzt. Bei gesunden Meerschweinchen ließen weder die Filtrate noch die Organemulsionen eine spezifische Giftwirkung erkennen, ein Zeichen, daß aus der Vermischung von tuberkulösem Zeligewebe mit Tuberkuliri aus letzterem keine giftigere Modifikation gebildet wird. Bei tuberkulösen Meerschweinchen wirkten nur die Filtrate, nicht die Organemuisione'n, ein Beweis, daß das Tuberkulin nicht an die tuberkulösen Gewebszellen gebunden wird, sondern frei bleibt. Bei der Tuberkulinreaktion spielen demnach Antikörper vom Charakter der Ambozeptoren keine Rolle. Schwieriger ist die Frage zu entscheiden, ob die Tuberkulinreaktion in das Gebiet der Anaphylaxie gehört und welche Beziehungen zwischen ihr und den nach Einspritzung von Albumosen (Matthes und Krehl) und Proteinkörpern (R. Schmidt) auftretende Reaktionserscheinungen bestehen. Die letzteren gehören wohl zweifellos in das Gebiet der Anaphylaxie. Würde cjie Tuberkulinreaktion eine anaphylaktische sein, so müßte sie den Gesetzen der Anaphylaxie folgen; wir müßten die Stoffe, welche die Ueberempfindlichkeit bedingen, auch außerhalb des Körpers feststellen und die Ueberempfindiichkeit passiv übertragen können. Mehrfach tödliche Gaben Tuberkulin müßten den Tod tuberkulöser Tiere unter den Erscheinungen des anaphylaktischen Shoks (sofortiger Tod unter krampfhaften Zuckungen mit Lungenblähung) verursachen; bei untertödlichen Dosen müßte der Zustand der Katanaphylaxie eintreten und das Tier gegen die tödliche Gabe geschützt sein. Zur Entscheidung dieser Frage bedient man sich am besten der intravenösen' Einspritzung des Tuberkulins bei tuberkulösen Meerschweinchen und der intrakutanen bei tuberkulös infizierten Menschen. Letzteren Weg hat B e s s a u beschritten, indem er bei denselben Patienten zu gleicher Zeit wiederholte Einspritzungen von Tuberkulin und Rinderserum vornahm; es ergab sich hierbei, daß die Serumüberempfindlichkeit sehr bald erlosch, während die Tuberkulinüberempfindlichkeit erhalten blieb. Die lokale Tuberkulinreaktion flammte auf erneute Zufuhr von Tuberkulin auf, die Serumreaktionen bei Serum-und Tuberkulininjektionen niemâls. B e s sau schließt aus diesen Beobachtungen, daß eine einheitliche Genese der beiden Ueberempfindlichkeitsphänomene so gut wie ausgeschlossen sei. Bei meinen Untersuchungen trat bei intravenöser ,Einspritzung von Alttuberkulin bet tuberkulösen Meerschweinchen, selbst in großen 1) Die Versuche wurden mit Mitteln der Robert Koch-Stiftung zpr Beklimpfung der Tuberkulose durchgeführt. Die ausführliche Arbeit mit den Versuchsprotokollen und Literaturangaben erscheint in der Zeitschrift für Immunitlitaforechung. Antonstraße 15 Dosen, niemals die Erscheinung des anaphylaktischen Shoks auf, auch zeigte sich bei der Sektion keine Lungenblähung. Milch und Kaseosan hatten auf tuberkulöse Meerschweinchen keine Wirkung ; die hiermit und mit untertödlichen Dosen Alttuberkulin vorbehandelten Tiere waren gegen die nachfolgenden tödlichen Gaben Alttuberkulin nicht geschützt. Im Verein mit den B e s s a u sehen Beobachtungen geht aus diesen Versuchen hervor, daß die Tuberkulinreaktion keine Antikörperreaktion ist und mit der Anaphylaxie nichts zu tun hat. Sie ist eine spezifische Reaktion, die nur bei Einverleibung von Tuberkuhn beim tuberkulös infizierten Organismus in Erscheinung tritt. B e s s a u denkt sich die Entstehung der Tuberkulinreaktion in der Weise, daß beim Auftreffen von Tuberkulin auf tuberkulöses Gewebe das erstere in einen Giftkörper umgebildet wird, der lokal Entzündung, in den Körper gelangend Fieber erzeugt. Die lokale Reaktion der haut soll der Ausdruck dafür seinr daß der Organismus die Fähigkeit besitzt, auf Tuberkulinreiz tuberkulöses Gewebe zu bilden. Die lokale Reaktion wäre dann die Folge der Reaktion zwischen dem neu gebildeten tuberkulösen Gewebe und dem Tuberkuhn. Ob diese Auffassung zu Recht besteht, müßte sich durch weitere Versuche feststellen lassen. Meine Versuche, bei denen tuberkulöses Organ mit Alttuberkulin (auch mit Komplement) im Reageuzglas vermischt und dann das abzentrifugierte Serum tuberkulösen Meerschweinchen intraperitoneal eingespritzt wurde, sprechen nicht dafür, da die Wirkung der lnjektionsflüssigkeit sich nicht von der einer Alttuberkulininjektion von ähnlicher Konzentration unterschied. Ich würde mir das Tuberkulin nur als Reizstoff vorstellen, der mit dem empfindlichen Gewebe in Berührung kommt und es zur Eutzündung bringt, ohne selbst dabei gebunden oder verandert zu werden. Es' würde dann in spezifischer Weise auf den tuberkulös infizierten Organismus nach Art eines Katalysators wirken, indem es nicht nur das die eingedrungenen Tuberkelbazillen umschließende Gewebe, den eigentlichen Krankheitsherd, sondern das gesamte IKörpergewebe, welches durch die tuberkulöse Infektion in spezifischer Weise umgestimmt ist (Allergie P ir.q u e t s), in einen Reiz-oder Entzündungszustand versetzt. Aehnlich denJt sich F e 1 d t die Wirkung der Goldpräparate, nur daß diese viel gröber ist, da sie die Entzündung des tuberkulös ausgebildeten Gewebes in unspezifischer Weise hervorruft. In derselben Art wirken vielleicht auch andere Stoffe, wie z. B. die Albuinosen oder Proteinkörper. Die spezifische 'Reizwirkung des Tuberkulins macht sich nur in einem durch eine Tuberkelbazilleninfektion veränderten Organismus bemerkbar. Im Gewebe des nicht infizierten Körpers findet das Tuberkulin keine Angriffsfläche. Die Fähigkeit des Körpergewebes, in einen spezifischen Entzündungszustand versetzt werden zu können, muß als eine für den Körper sehr günstige Einrichtung aufgefaßt werden und entspricht dem Tuberkuloseschutz des infizierten Organismus. Die Entstehung dieses Tuberkuloseschutzes könnte man sich in folgender Weise vorstellen. Die Tuberkelbazillen dringen auf irgendeine Weise in den menschlichen Körper, bleiben in ' Lunge, Muz oder Knochenmark liegen, fangen dort an sich zu vermehren und Gift auszuscheiden. Dieses Gift gelangt in das Blut und versetzt allmählich das ganze Körpergewebç in einen veränderten, für das Tuberkelbazillengift empfindlicheii Reizzustand. Die fertige Ausbildung dieses Zustandes erkennen wir an dem Auftreten der Lokalreaktionen, von denen zuerst dié feinere Intrakutan-oder Subkutanreaktion (Stichreaktion) positiv wird, etwas später die Pirquetsche Hautreäktion. Diese Veränderting, die Allergie Pirquets, macht die Zelle jetzt zur Abwehr fähig. Neue, von außen eindringende Tuberkelbazillen oder auch deren Gifte (Tuberkulin) vermögen zwar das Gewebe zu reizen und unter Umständen auch in Entzündungen zu versetzen, bleiben aber außerhalb der Zellen liegen, gehen zugrunde und werden als lästige Fremdkörper vom Organismus ausgeschieden oder abgebaut. .Nur die bei der ersten Infektion in den Körper gelangten Tuberkelbazillen bleiben an der Ablagerungsstelle lebend. Um sie herum hat sich durch Entstehung eines Tuberkels' ein Schutzwall gebildet, der eine doppelte Funktion hat, 'nämlich einnial die eingeschlossenen Bazillen vpr den Einwirkungen des Körpers zu schützen, dann aber auch die Tuberkelbazillen im Innern festzuhalten (latentes Stadium), solange das Körpergewebe sich, sagen wir mal, in einem normalen reaktionsfähigen Stadium befindet. Der Abschluß ist aber nicht so vollkommen, daß die eingeschlossenen Bazillen nicht immer wieder von neuem Reize (Gift) ins Blut abgeben kämmen, welche die Allergie unt&rhalten. Nummer 11 Donnerstag1 den 17 März 1921 47. Jahrgang Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1140500 fatcat:pxjdrbmzvjacxnidkxsj5qwk24