Intersexualität und operative Geschlechtszuweisung

Angela Kolbe
2009 Kritische Justiz  
Intersexualität und operative Geschlechtszuweisung 1 Einleitung Unter dem Signum "Zwitterprozess" gelangte jüngst ein Thema in die allgemeine und juristische Öffentlichkeit, das lange Jahre vergessen war: die an intersexuellen Menschen vorgenommenen gesellschaftlichen Normierungsversuche, insbesondere so genannte geschlechtskorrigierende Genitaloperationen. Vor dem Kölner Land-und Oberlandesgericht erstritt 2008 eine intersexuelle Frau einen Schmerzensgeldanspruch gegen den Arzt, der ihr ohne
more » ... rzt, der ihr ohne ihr Wissen innere weibliche Geschlechtsorgane entnommen hatte. Die vor allem von Seiten der Intersexuellenbewegung mit Spannung erwarteten Entscheidungen stellen aber keine Grundsatzentscheidung für die rechtliche Beurteilung solcher Operationen dar, sondern waren lediglich die Anwendung üblicher juristischer Grundsätze auf einen Fall von Missachtung des Selbstbestimmungsrechts einer Patientin aufgrund einer mangelhaften ärztlichen Aufklärung. Nichtsdestotrotz lohnt sich eine genauere Betrachtung der Entscheidungen und ihrer Zusammenhänge. Nach der Darstellung des Sachverhalts werden zunächst einige Hintergrundinformationen über Intersexualität gegeben. Sodann werden die Entscheidungen des LG und OLG Köln einer genaueren Überprüfung unterzogen und in den Gesamtdiskurs "Intersex und Recht" eingeordnet und bewertet, wobei es insbesondere um die Rechtmäßigkeit geschlechtszuweisender Operationen an Minderjährigen gehen wird. Sachverhalt Die Klägerin wurde 1959 geboren. Bei der Geburt wurde nicht erkannt, dass bei ihr ein Adrenogenitales Syndrom (AGS) mit 21-Hydroxylasedefekt 2 vorlag. Aufgrund dessen war ihre Klitoris überdurchschnittlich groß und wurde daher für einen (Mikro-)Penis gehalten. Sie wurde als Junge beim Standesamt angemeldet und entsprechend erzogen. Mit 16 Jahren wurde bei der Klägerin eine Blinddarmoperation durchgeführt. Dabei ergaben sich Hinweise auf das Vorliegen weiblicher, innerhalb des Bauchraums gelegener (intraabdomineller) Geschlechtsorgane. Zur Aufklärung, und weil der Verdacht bestand, es könne sich auch um nicht abgestiegene Hoden im Bauchraum handeln, wurde die Klägerin einer Operation unterzogen, bei der aber weder Hoden noch Samenstrang aufgefunden werden konnten. Eine Untersuchung des entnommenen Gewebes ergab, dass es sich dabei um Eileiter, Eierstock und Nebenhoden, also um weibliche (Eileiter und Eierstock) und männliche (Nebenhoden) Geschlechtsorgane handelte. Der Klägerin wurde daraufhin der Befund der Eierstöcke zusammen mit der Einschätzung, dass sie "zu 60 %" eine Frau sei, mitgeteilt. Eine etwas später erstellte Chromosomenanalyse 1. 2.
doi:10.5771/0023-4834-2009-3-271 fatcat:54koiorr5nf5lp3vqtr4trwdaq