Brückner, Margrit und Böhnisch, Lothar (Hrsg.) (2001). Geschlechterverhältnisse. Gesellschaftliche Konstruktionen und Perspektiven ihrer Veränderung

Enrico Violi
2001
Brückner, Margrit und Böhnisch, Lothar (Hrsg.) (2001). Geschlechterverhältnisse. Gesellschaftliche Konstruktionen und Perspektiven ihrer Veränderung. Weinheim/München: Juventa. 208 Seiten. Seit einigen Jahren zeichnet sich in der Geschlechterforschung ein Perspektivenwechsel ab, der zu einer Öffnung des Blicks für die Pluralität weiblicher und männlicher Lebenszusammenhänge geführt hat. Grundlegend für diesen Perspektivenwechsel ist die Absage an eine Konzeption der Zweigeschlechtlichkeit, in
more » ... lechtlichkeit, in der Frauen und Männer als zwei Kategorien erscheinen, die einander in binärer Opposition gegenüberstehen. Im Unterschied dazu geht man in der aktuellen Geschlechterforschung davon aus, dass Weiblichkeit und Männlichkeit als mehrdimensionale und dynamische Konstrukte zu begreifen sind, die je nach situativen und kontextuellen Bedingungen ihre geschlechtsdifferenten Bedeutungen erhalten. Weiblichkeit und Männlichkeit sind, so die Prämisse, als soziale Konstruktionen zu verstehen. Sie resultieren aus einem sozialen Handeln, das sich im Rahmen eines dualistischen Geschlechtersystems abspielt, in dem die Zweigeschlechtlichkeit als ein zentrales Strukturierungsprinzip sozialer Handlungsvollzüge fungiert. Das zentrale Erkenntnisinteresse bezieht sich daher auf die strukturellen Bedingungszusammenhänge und sozialen Praktiken, die dazu führen, dass dieses dualistische System fortwährend reproduziert wird. Dieses Erkenntnisinteresse liegt auch den Beiträgen zugrunde, die in der Pub-likation von Margrit Brückner und Lothar Böhnisch versammelt sind. Gemeinsamer Bezugspunkt dieser Beiträge ist die Beobachtung, dass die Geschlechterverhältisse im westlichen Kulturraum zwar eine Vielfalt an Veränderungsund Ausdifferenzierungsprozessen erkennen lassen, andererseits jedoch eine bemerkenswerte Beharrungstendenz aufweisen. So ist etwa festzu-stellen, dass zwar immer mehr Frauen und Männer die traditionellen Geschlechtsbestimmungen ablehnen, in ihrer alltäglichen Praxis aber immer wieder in habituelle Muster des Frau-und Mannseins zurückfallen und damit dazu beitragen, dass das tradierte Arrangement der Geschlechter bestehen bleibt. Das widersprüchliche und zugleich spannungsvolle Nebeneinander traditioneller und emanzipativer Elemente ist kennzeichnend für die Geschlechterver-hältnisse der Postmoderne. Es entspricht einer Ambivalenz, die sich aus der Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und der Beständigkeit tradierter Konzeptionen von Männlichkeit und Weiblichkeit ergibt. Die Thematisierung dieser Ambivalenz markiert die Argumentationslinie, der die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes folgen, um die gesellschaftlichen Beding-ungen männlicher und weiblicher Lebensprozesse zu erhellen und dabei deren Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten darzulegen. Im ersten, von Karin Jurczyk verfassten Beitrag wird der ambivalente Charak-Rezensionen / recensions / recensioni Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 2/2001 1 r e c e n s i o n s
doi:10.24452/sjer.23.2.5400 fatcat:4ito7szwzva6fh2ohq4x3xz244