Rita Schober. Autobiographie und Biographie. Zu dem Buch von Dorothee Röseberg [chapter]

Aurélie Barjonet
2020 Geschichte der Philologien  
Rita Schober war Spezialistin für Émile Zola und zu DDR-Zeiten dessen maßgebliche Interpretin in den deutschsprachigen Ländern. Sie ist auch, in den Jahren nach dem Krieg, Schülerin von Victor Klemperer gewesen. Ihre Erinnerungstexte werden jetzt von Dorothee Röseberg kommentiert, auch sie Hochschullehrerin mit Erfahrungen in der DDR, allerdings im Abstand von 30 Jahren. Wie andere romanistische Kollegen aus der DDR, zum Beispiel Manfred Naumann und Barbara Sändig, hätte Rita Schober gerne ihre
more » ... Schober gerne ihre Erinnerungen veröffentlicht. Sie hatte sogar einen Plan ausgearbeitet, der vier große Kapitel vorsah, doch ihr Tod, 2012 im ehrwürdigen Alter von 94 Jahren, hat die Verwirklichung dieses Projekts verhindert. So kam nur das erste Kapitel über »die Herkunft« zustande sowie einige Fragmente aus anderen Kapiteln wie der Bericht über ihre Aufenthalte als Gastprofessorin in der UdSSR. Ein Kollege hatte ihr versprochen, die Fragmente herauszugeben, kam dann aber nicht dazu; Wolfgang Asholt, ein Freund Rita Schobers, hat lange nach der für diese Aufgabe geeigneten Person gesucht. So ist das Projekt 2014 in die Hände von Dorothee Röseberg gelangt. Diese kannte natürlich die »rote Rita«, aber sie standen sich nicht besonders nahe (s. dazu »Anstelle eines Nachwortes«). Dorothee Röseberg hat die Edition der autobiographischen Fragmente ihrer älteren Kollegin übernommen, um eine kritische Edition zu bewerkstelligen. Vier Jahre später liegt sie nun vor, und das Ergebnis entspricht unseren Erwartungen. Rita Schober wird 1918 in einfachen Verhältnissen in einer nordböhmischen Kleinstadt geboren. Sie studiert klassische Philologie und französische Sprache und Literatur an der deutschen Karls-Universität in Prag von 1936 bis 1938 und 1943/44. Während Prag befreit wird, verteidigt sie ihre Dissertation. Dann, im Jahr 1946, werden Sudetendeutsche in der Folge der Beneš-Dekrete vertrieben. 1948 wird Rita Schober Assistentin von Victor Klemperer an der Universität Halle, folgt ihm dann an die Humboldt-Universität nach Berlin. Er regt sie an, ihrer linguistischen Ausbildung zum Trotz sich der Literaturwissenschaft zuzuwenden. 1954 legt sie ihre Habilitationsschrift über den Naturalismus von Zola vor. Seit 1957 hat sie bis 1978 den Lehrstuhl für Romanische Philologie an der Humboldt-Universität inne. Dort übernimmt sie wichtige hochschulpolitische Funktionen, die es ihr möglich machen, die Romanistik als Disziplin zu »retten«. In der DDR-Zeit darf sie über die Nouvelle critique schreiben und auch ihr Land in der UNESCO vertreten (als Mitglied des Exekutivrates), was für ihr wissenschaftliches und politisches Gewicht Bände spricht. Aber bekannt ist sie heute vor allem als Herausgeberin einer neuen Übersetzung der ›Rougon-
doi:10.5771/9783835345195-66 fatcat:5zitbpabora37gmlvgirvyo5mu