Zehn Jahre Finanzkrise: die wandlungsfähige Dauerkrise

Thomas Rixen
2017 WSI-Mitteilungen  
V or rund zehn Jahren, als die US-Immobilienblase zu ersten Verwerfungen bei verschiedenen europäischen Banken führte, begann die globale Finanzkrise. Was ist seitdem geschehen? Enttäuschend wenig und bestürzend viel. Das Ergebnis ist eine Ausweitung der Krise zu einer Demokratiekrise. Enttäuschend wenig ist in der Finanzmarktregulierung geschehen. Obwohl auf dem Höhepunkt der Krise weitreichende und fundamentale Reformen des globalen, europäischen und nationalen Regulierungssystems angekündigt
more » ... systems angekündigt wurden, sind die Ergebnisse mager. Man kann zwar eine sehr emsige Reformaktivität und kleinere Verbesserungen, wie verschärfte Eigenkapitalquoten und verbesserte Abwicklungsregeln für insolvente Banken, konstatieren. Aber es ist zu befürchten, dass die Fülle der neuen Regulierungen insgesamt zu einer erhöhten Komplexität und damit nicht zu mehr, sondern weniger Finanzstabilität führt. Weder eine überzeugende Regulierung des Schattenbanksektors, in dem die Krise ihren Ursprung hatte, noch eine Lösung des "too big too fail"-Problems sind in Sicht. Der Schattenbanksektor sowie die Konzentration auf dem Bankenmarkt sind inzwischen sogar größer als vor der Krise. Auch blieb das neoliberale Paradigma sich weitgehend selbst regulierender Finanzmärkte intakt. Weder bei den Eigenkapitalvorschriften noch bei Derivaten oder Ratingagenturen ist es zu einer grundlegenden Änderung der Regulierungsphilosophie gekommen. Von einer Rückkehr zu einem starken Staat als Garant funktionierender Märkte, wie es manche zur Hochphase der Krise erwartet hatten, kann keine Rede sein. Das Finanzsystem ist heute nicht sicherer, als es vor der Krise war. Dagegen hat die Finanzkrise bestürzend viele und tiefgreifende realwirtschaftliche, soziale und politische Verwerfungen zur Folge. Wirtschaftliche und soziale Probleme zeigen sich vor allem im Süden Europas mit sehr hohen Arbeitslosenzahlen und extremer Jugendarbeitslosigkeit, deren Folgen uns noch lange begleiten dürften. Dem hat die staatliche Politik nicht effektiv entgegengewirkt. Zur Verhinderung des Systemkollapses blieb den Staaten nichts anderes übrig, als systemrelevante Banken zu retten und kurzfristig Konjunkturpakete aufzulegen. Sie haben sich deshalb stark verschulden müssen. Die sogenannte Staatsschuldenkrise -die Schuldenstandquote im Durchschnitt des Euroraums ist heute mit 90 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 25 Prozentpunkte höher als vor der Krise -ist eigentlich eine Bankenkrise. Das ändert aber leider nichts daran, dass sie die Staaten weiter geschwächt hat. Statt eines beherzten, längerfristigen Kampfes gegen die Rezession erlebten wir vielerorts eine sozial unausgewogene Austeritätspolitik. Angefacht durch diese Entwicklungen kam es in der Folge zu einer Verschärfung politischer Konflikte. Insbesondere in der Europäischen Thomas Rixen, Prof. Dr., Politikwissenschaftler an der universität Bamberg, lehrt und forscht auf dem gebiet der Internationalen und Vergleichenden Politischen Ökonomie. thomas.rixen@uni-bamberg.de © WSI Mitteilungen 2017 Diese Datei und ihr Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Verwertung (gewerbliche Vervielfältigung, Aufnahme in elektronische Datenbanken, Veröffentlichung online oder offline) sind nicht gestattet.
doi:10.5771/0342-300x-2017-8-556 fatcat:l3r2uyo6lrd4hny6bgbydgb764