Webometrie und der röhrende Hirsch: Bericht von der neunten internationalen Konferenz "On Science and Technology Indicators" in Leuven, Belgien

Rafael Ball
2006
Die Vermessung von Wissenschaft und die Evaluation von Institutionen und Personen beginnt seit einigen Jahren zu einer Konstante im M anagement von Wissenschaftseinrichtungen zu werden. Das reicht von der wissenschaftlich-strategischen Gesamtplanung über die Akquise von Forschungsgeldern bis zur Personalplanung, etwa bei Berufungen von Wissenschaftlern. Ein wichtiges Instrument für die Quantifizierung von Wissenschaftsleistungen ist die Bibliometrie. Gerade erst beginnt sich die
more » ... die Wissenschaftscommunity mit diesem Thema ernsthaft auseinander zusetzen, während sich Bibliometriker nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten mit dem Thema der Outputmessung von Wissenschaft befassen. Eine ganz spezielle Konferenz, die im zweijährigen Rhythmus stattfindet, ist die "INTERNATIONAL CONFER-ENCE ON SCIENCE AND TECHNOLOGY INDICATORS", die von einer Gruppe um die führenden Bibliometriker Wolfgang Glänzel (Katholische Universität Leuven, Belgien) und Anthony van Raan (Centre for Science and Technology Studies (CWTS) an der Universität Leiden, Niederlande) veranstaltet wird. Im internationalen Wechsel der Veranstaltungsorte fand die neunte "INTERNATIONAL CONFER-ENCE ON SCIENCE AND TECHNOLOGY I N DI CATORS" mit dem Konferenztitel "New Challenges in Quantitative Science and Technology Research" in diesem Jahr vom 7.-9. September in Leuven statt. Rund 200 Teilnehmer aus der ganzen Welt bekamen ein spannendes Programm mit nahezu 50 Fachvorträgen und fast ebenso vielen Postern geboten. Hauptthemen der Bibliometriker waren in diesem Jahr die technischen Grundlagen und Möglichkeiten für bíbliometrische Analysen, mathematische M odelle zur Beschreibung von I ndikatoren, Länder-und thematische Analysen, sowie die Integration neuer, auf der Basis der Webometrie erhobener M ethoden zur M essung von wissenschaftlicher Qualität. Im Eröffnungsvortrag von Glänzel, Debackere und M eyer 1 wurde die Bedeutung der bislang unangefochtenen zur Weltspitze der Forschung zählenden "Triade" zur Diskussion gestellt und die Frage aufgeworfen, ob man nicht künftig von der "Tetrade" sprechen müsse. Bislang nämlich gelten als forschungsintensivste Länder und Regionen die USA, Europa und Japan. Im Wissenschafts-und Forschungsoutput waren diese drei Regionen im weiten Abstand zu den Nachfolgern bislang unangefochten an der Weltspitze. Nahezu unbemerkt schob sich in den vergangenen zwei Jahren China auf einen "stabilen" Platz hinter den drei Spitzenregionen und hat dabei den Abstand kontinuierlich verringert. Nicht nur in den Ausgaben für Forschung und Entwicklung hat China massiv aufgeholt, sondern auch im wissenschaftlichen Output. Im "Konzert" der großen Wissenschaftsregionen kann diese Macht nicht mehr länger ignoriert werden und muss in das künftige Spitzenranking der Wissenschaftswelt einbezogen werden; aus dem Spitzentrio ist ein Spitzenquartett geworden. In einer von zwei thematischen Sondersessions wurde das Thema "Webometrics for science and technology indicators" diskutiert. Webometrie (so die wenig ge-lungene deutsche Übertragung) ist ein wichtiges Thema für die Wissenschaftsevaluation, seit relevante wissenschaftliche Veröffentlichungen im Netz zur Verfügung stehen und webometrisch erfasst werden können. So hat man mit der Webometrie die M öglichkeit, Nutzung und Relevanz von Netzpublikationen abzuschätzen und damit die traditionellen Indikatoren wie Zitierhäufigkeit und Zitierrate um Indikatoren aus dem Netz zu ergänzen. Eine internationale Studie von Ortega et al. 2 etwa nutzt das WEB zur Analyse der internationalen Kooperation von Universitäten und Forschungseinrichtungen auf der Basis der gegenseitigen Verlinkung. Die Schlüsse, die aus einer solchen (visualisierten) Vernetzungskarte gezogen werden, basieren auf der Annahme, dass Verlinkungen zwischen Einrichtungen nur geschaltet werden, wenn wissenschaftliche Kooperationen bestehen. Konkret wurden anhand der Inlinks (das sind jene (fremden) Links, die eine Einrichtung auf die eigene Webpage setzt) untersucht, wie eng wissenschaftliche Einrichtungen in Europa zusammenarbeiten. Tatsächlich zeigen die Ergebnisse Cluster von Kooperationszentren, die sich alleine aus der Häufigkeit der Inlinks ergeben. Eine Erweiterung dieser Aussage könnte etwa durch die Ergänzung mit bibliometrischen Daten von kooperierenden Einrichtungen versucht werden. Eine weitere Sondersession widmete sich ausschließlich dem Thema "Hirsch-Faktor" (siehe auch den Beitrag zum Hirsch-Faktor in diesem Heft), der bereits in aller M unde geführt wird. Dabei rankten sich die Vorträge um Fragen wie Gültigkeit des Hirsch-Faktors in unterschiedlichen Disziplinen, Übertragbarkeit dieses genuin auf Einzelpersonen zugeschnittenen Indikators auf Personengruppen oder Institutionen und gar der Etablierung eines "neuen" Hirsch-Faktors, des G-Faktors durch den Mathematiker Leo Egghe 3 .
doi:10.5283/epub.5277 fatcat:sdameuornjbtrnebdk6ordxcne