Kursus der urologischen diagnostischen und therapeutischen Technik. IV. Technik in der Diagnose und Behandlung der Harnröhrenstrikturen

L. Casper
1922 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Technik in der Diagnose und Behandlung der Harnröhrenstrikturen. Die Harnröhrenverengerung, die in 900/o aller Fälle auf eine oft Jahrzehnte zurückliegende Gonorrhoe zurückzuführen ist, gehört zu denjenigen Erkrankungen, die leicht zu diagnostizieren sind, denn sie macht meist charákteristische Störungen. Die Patienten empfinden ein Brennen beim Harnen, das sich zuweilen bis zu einem Schmerz steigert. Die Harnentleerung geht länger als bei Gesunden vor sich, die Kranken müssen pressen, um den
more » ... n pressen, um den Ham herauszubefördern. Der Strahl ist in seiner Dicke verringert, und zwar ist er um so dünner, je enger die Striktur ist und je weiter sie nach vorn, d. j. dem Orificium cutaneum zu, sitzt. In schweren Fällen kommt es überhaupt nicht mehr zu einem Strahl, der Harn geht tropfenweise ab. Auch die Spermaejakulation kann behindert sein, und ein höchst fatales Symptom kann auftreten: der Ham geht den Kranken unwillkürlich ah, sie verlieren ihn wider ihren Willen. Das erklärt sich daraus, daß durch den langdauemnden, sich immer wiederholenden Anprall des Harns gegen die Striktur bei der Miktion die Partie hinter der Striktur entzündet wird, erweicht und sich zu einer trichterförmigen Dilatation gestaltet. Die Spitze des Trichters Ist die Striktur, die Basis nach hinten gerichtet. An dieser Basis wird der Sphinkter durch den andauernden Druck auseinandergezogen, sodaß der Sphinkter nicht mehr schließt, und damit ist die In co n ti n e n t ja u ri n a e etabliert. Glücklicherweise tritt dieses Nässen meist nur bei sehr engeii und verhältnismäßig schnell entstandenen Strikturen auf. Manchmal führt auch eine plötzlich auftretende komplette Retention die Klärung der Diagnose herbei. Die sorglosen Kranken, die ihre leichteren Beschwerden kaum beachtet haben, können plötz. lich keinen Tropfen Ham entleeren. Das erklärt sich durch einen Spasmus oder durch eine Anschoppung, welche sich der Striktur hirizuaddiert. Eine Erkältung oder ein reichlicher Genuß von Alkohol können eine solche Kongestion oder einen solchen Krampf auslösen. Wohl genügen in den meisten Fällen die genannten Anzeichen, um die Diagnose einer Striktur wahrscheinlich zu machen, allein man darf sich darauf nicht verlassen, da enger Harnstrahl, langsames Harulassen, Schmerz, unwillkürliche Hamnentleerung, Narnverhaltung auch bei anderen Affektionen, z. B. bei Blasenlähmung und Prostatahypertrophie, vorkommen. Man muß immer die physikalische Untersuchung anfügen. Diese besteht darin, daß man mit einem weichen, nicht zu dünnen knopfförmigen Bougie in die Harnröhre hineingeht. Besteht eine Verengeruñg, so wird man bald an der engen Stelle festsitzen. Man nehme die gewöhnlichen französischen Seidenbougies mit Knopf, die in jedem Falle gesunder Harnröhre bis zur Blase dringen. Bleibt die Sonde an einer Stelle der Harnröhre sitzen, so wählt man kleinere Nummern, bis man diejenige herausgefunden hat, welche noch gerade passiert. Diese ist dann das Maß der Striktur. Hat man die Diagnose der Striktur gemacht, dann erforscht man den weiteren Zustand des Kranken ; denn die Verengerungen der Harnröhre haben eine ganze Reihe von Miterkrankungen, Nachkrankheiten und Komplikationen im Gefolge. In den retrostrikturalen Erweiterungen sammelt sich Ham an und zersetzt sich daselbst. Diese Zersetzung führt eine entzündliche Zerstörung des Gewebes herbei, es bildet sich dasjenige aus, was wir an der Oberfläche P h I e g m o n e , was wir iii der Tiefe H a r n i n f i I t r a t I o n nennen. Das Gewebe wird eitrig eingeschmolzen, der phlegmonöse Prozeß dringt mehr und mehr nach der Oberfläche zu, und wenn nicht schnelle Hilfe eintritt, kommt es zum spontanen Durchbruch nach außen, zur H a r n f i s t e I. Je nach der Größe des gangränösen Zerfalls entstehen große Substanzverluste in der Harnröhre und deren Bedeckung. Ganz iii der gleichen Weise vollzieht sich der Prozeß, wenn gelegentlich hinter der Striktur ein F o I I i k e I sich entzündet, vereitert und mit sich zersetzendem Ham angefüllt bleibt, oder wenn hinter der Striktur durch den Anprall des Harustrahis ein Riß cntsteht, oder wenn ein Trauma durch einen falschen Weg gesetzt wird. In allen djesen Fällen kann es zu einer rapid fortschreitenden und Gangrän herbeifiihrenden H a r n i n f i 1 t r a t i o n kommen. Verläuft der Prozeß in dieser akuten Weise, so ist er von hohem Fieber begleitet; Schütteifröste, Temperaturen bis zu 41° sind dann ganz gewöhnlich. Häufiger aber tritt der Prozeß mehr chronisch auf. Man bemerkt am Damm brettharte Schwellungen von unregelmäßiger Gestalt, die dem Ungeübten den Eindruck machen, als ob es sich um éine Neubildung handle. Der häufige Ausgang solcher langsamer fortschreitenden Entzündungen, sobald sie sich nicht diffus verbreiten, wie die Harninfiltration, sondern mehr zirkumskript bleiben, ist der H a r n a b s z e ß , der, wenii er nicht rechtzeitig gespalten wird, durch rasches Umsichgreifen zu großen Hamnfisteln führen kann. Die Diagnose aller dieser Zustände ist nicht schwer, wenn man die Harnröhre untersucht, eine Striktur feststellt und die verhältnismäßig schnelle Entwicklung der Schwellung nachweisen kann. Die Behandlung der Strikturen gehört zu den dankbarsten Aufgaben des Arztes. Es gibt wenige Krankheiten, die sich durch Sachkenntnis so schnell und sicher, wenn auch nicht heilen, so doch bessern lassen. Hält man sich die Ursachen und das Zustandekommen der Urethralstrikturen vor Augen, so begreift man, daß Medikamente und Trinkkuren unmöglich helfen können. Es liegt auf der Hand, (laß die Therapie eine mechanische, eine mechanisch erweiternde sein muß Das Einfachste, Sicherste und Schonendste ist die ein fache allmähliche Dilatation der Striktur mit geknöpften Seidengespinstbougies. Hat man herausgefunden, welcher Stärkegrad noch die Striktur passiert, ohne daß man Gewalt anzuwenden braucht -sagen. wir, es sei Nr. 10 der Charrièreschen Skala -, so wird diese Nummer nach vorheriger Anästhesierung der Urethra durch S g einer 2°/aigen Alypin. nitricum-Lösung eingeführt und einige Minuten darin belassen. Es ist wesentlich, daß das Bougie einen Knopf hat, konische und zylindrische Bougies sind absolut ungeeignet. Dann hat der Patient einen Tag oder zwei Pause, und in der nächsten Sitzung führt man Nr. 10/11, in der späteren Il und 12 und so fort ein, bis man etwa zu Kaliber 20 oder 21 gelangt ist. Man hüte sich vor-Gewaltanwendung und vor zu schnellem Vorgehen. Nimmt man in der wohlgenieinten Absicht, die Striktur schnell zu dilatjeren, eine zu starke Nummer, die man durchpressen muß, so erlebt man danach Verschwellungen der Harnröhre, starke Schmerzen, Fieber, Schüttelfrost und sogar Harnverhaltung, während bei langsamem Vorgehen die Kranken sofort Linderung haben. Es genügt oft die Durchführung einer einzigen Nummer, um die Hauptbeschwerden zu beseitigen. Mit dieser einfachen allmählichen Dilatation kommt man nach meinen Erfahrungen in etwa QO°/o aller Fälle aus. In anderen kann es geboten sein, energischem vorzugehen. Wenn z. B. die Einführung eines Bougies große Schwierigkeiten gemacht hat und wenn schwere, vielleicht fieberhafte Zystitis oder Pyelitis infolge der Harnstauung besteht, oder wenn sich an jedes Bougiereii Fieber und Schüttelfröste anschließen, würde ich raten, die konti-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1165925 fatcat:nmtkvcgzyndypaxumpcgoi24pq