Transkulturelle Aspekte der Sprache als Identitätsstifter in Emine Özdamars "Mutterzunge"

Mahmoud FOUAD
2016 Kairoer Germanistische Studien  
Emine Sevgi Özdamar wird 1946 in der Türkei geboren, emigriert 1971 nach Deutschland und ist dort als Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin tätig. Ihr Durchbruch in der deutschen Literaturszene erfolgt mit der Verleihung des Ingeborg Bachmann-Preises 1991. Damit wird zum ersten Mal eine fremdsprachliche Schriftstellerin, die auf Deutsch schreibt, mit dem renommierten Preis ausgezeichnet. Özdamars Werk befasst sich vornehmlich mit "Auseinandersetzungen mit der realen Gegenwart,
more » ... n Gegenwart, Thematisierung der 'Fremde' und der Fremdheitserfahrung, Öffnung für die multikulturelle Wirklichkeit" und sucht "in der Fremde ihre Heimat in der Fremdsprache Deutsch" (Al-Slaiman 1997: 89). Diese Thematik, die nach der eigenen Heimat und Sprache in der Fremde fahndet, durchzieht Özdamars gesamte Arbeit. "Die Autorin denkt türkisch und schreibt deutsch, und gerade diese Dialektik der (verbalen) Selbstvergewisserung ist es, die das Glück ihrer Prosa ausmacht." (Zimmermann 1986: 7) In ihrem epischen Band "Mutterzunge" erzählt Özdamar von einer namentlich nicht genannten Protagonistin, die über sich, ihre Gedanken, Liebe und Begierden in der Ich-Erzählform berichtet. Die Ich-Erzählerin verliert ihre Muttersprache in Deutschland. Auf der Suche nach ihrer Identität versucht sie die Wurzeln ihrer Muttersprache aufzuspüren, indem sie Arabisch als "Großvaterzunge" lernt, weil das Türkische früher mit der arabischen Schrift geschrieben wurde. Gerade in den Anfangssätzen wird die Thematik der Erzählung plausibel dargestellt, nämlich die logische Bereitschaft des Menschen zur sprachlichen Transkulturalität. "In meiner Sprache heißt Zunge: Sprache. Zunge hat keine Knochen, wohin man sie dreht, dreht sie sich dorthin." (9) 1 Man kann Sprachen lernen, doch die erlernte Sprache darf die 1 Die Studie verlässt sich auf Özdamars Prosawerk "Mutterzunge" (Özdamar 2010) als primärliterarisches Korpus. Die nach den diversen Zitaten in Klammern stehenden Zahlen weisen auf die Seitenzahl hin.
doi:10.21608/kgs.2016.110259 fatcat:swmi6l3c2vcs7dggre5wje7dju