Acten zum Neusser Kriege 1472–1475

Adolf Ulrich
1889 Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein  
Die Sammlung der im folgenden mitgeteilten, bisher ungedruckten, Archivalien ivurde veranlasst durch die Bearbeitung von Wierstraats Reimchronik über die Belagerung von Neuss für die Chroniken der deutschen Städte (Band 20). Es war beabsichtigt, dem Texte der neuen Ausgabe als Betlagen die ActenstücJce anzufügen, welche zu unmittelbarer Erläuterung der Chronik dienen konnten. Da aber das Material einerseits allmählich su umfangreich wurde, um noch als Anhang abgedruckt werden su können, und da
more » ... su können, und da es andrerseits die bisherigen Darstellungen des Krieges alsbald als unzulänglich erkennen Hess, so ist es nunmehr von Wierstraat völlig getrennt und möge, weil es ein hervorragendes Ereignis aus der niederrheinischen Geschichte eingehend erläutert, an dieser Stelle den Bearbeitern jener Epoche mitgeteilt tverden. Der umfang-und inhaltreichste Teil der Acten (180 Nrn.) entstammt dem Kölner Stadtarchive, wenige Stücke den Staatsarchiven in Coblenz (15 Nrn.) und Düsseldorf (18 Nrn.), und je eins der Göttinger üniversitäts-Bibliothek (Nr. 153) sowie der fürstlich Oettingenschen Bibliothek zu Wallerstein (Nr. 194). Diese 215 Actenstücke sind in chronologischer Folge abgedruckt. Doch tourden von der Hauptmasse, den Briefen, die drei gleichzeitigen Berichte über den Feldzug und das Reichsheer, sowie 20 Acten der Kölner und Coblenzer Stadtverwaltung getrennt und am Schlüsse mitgeteilt. Die Briefe (Nr. 1-192) gehören, abgesehen von den ersten 6 Nummern, der Zeit des Krieges selbst, Juli 1474-Jidi 1475, an. Die Nummern 1-6 dienen zur Erläuterung der Parteiverhältnisse und der Veranlassung zum Kriege. -Annalen des hist. Vereins XLVIII. 1 Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 6/22/15 10:25 AM 2 Adolf Ulrich: Karl der Kühne sah sich in dem Bestreben, die Grenzen seines Reiches nach Osten zu erweitern und am Niederrhein festen Fass zu fassen, wesentlich gefördert, als er von dem mit den Ständen seines Stiftes verfeindeten Erzbischof Ruprecht von Köln zu Hilfe gerufen wurde. Sofort ergriff er die Gelegenheit zur Einmischung in clie deutschen Verhältnisse und trat zunächst mit Köln, der massgebenden Hauptstadt am Niederrhein, in brieflichen Verhehr. Schon im Jahre 1472 (Nr. 1) suchte er die Eolk des Vermittlers zwischen dem Lanclesherrn und seinen Unterthanen zu spielen und diese von der Uneigennützigheit seiner Absichten zu überzeugen. Als er aber bei Köln Icein Entgegenkommen fand, benutzte er eine ganz allgemein gehaltene Friedensmahnung des Papstes (3), aus welcher er den Befehl zur Einmischung und Friedensstiftung herauslas (δ), dazu, einen Bruch auf die Stadt auszuüben, und glaubte, einen Rechtstitel zu energischem Eingreifen erworben zu haben, als der EB. ihm die Vogtei über das Erzbistum übertrug. Boch scheute er sich offenbar, den Krieg zu beginnen, rüstete dagegen um so eifriger. Noch im April 1474 verhandelten seine Gesandten in Köln mit dem päpstlichen Legaten und den Landständen (4): eine Einigung konnte -und sollte auch wohl nach Karls Wunsch -nicht mehr erreicht werden. Bereits zwei Monate später wusste man in Köln, dass der ivestliclie Nachbar einen Kriegszug an den Rhein vorbereite (6). Ueber die Parteinahme der niederrheinischen Fürsten waren Freunde und Feinde des Erzbischofs völlig im UnMaren: dieser hoffte noch auf die Hilfe cler Stadt Köln; letzteres aber erliess mehrere Male Manifeste über sein Vorgehen gegen den Erzbischof (205.212); es hielt die Herzöge von Jülich-Berg und von Cleve noch für Anhänger der Landstände; die Herzöge ihrerseits, anfangs selbst unsicher, wem sie sich anschliessen sollten (6. 8. 15. 23. 32-36), wandten sich später völlig den Burgundern zu (102. 130-132. 134. 142. 147. 157. 192). Köln war jedoch auf alle Fälle gerüstet, warb Söldner (9.10.12.13. 24) und erbat vom Kaiser Reichshilfe (11). Benn man wusste überhaupt nur, dass Herzog Karl an den Rhein ziehen ivürde, aber nicht, ivem der Zug gelte. Karl d. K. aber mochte wohl wissen, dass er vor den Mauern von Köln vergeblich lagern ivürde: so bot ihm Neuss, ivelches schon vor Jahren dem Erzbischof getrotzt hatte -der Rath Hess damals nach Entdeckung ν err ätherischer Pläne des Landesherrn die Verräther hinrichten (2) -, das nächste Ziel. In einem später iviederholten Manifest vom 25. Juli 1474 (16) begründete er sein Unter-Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 6/22/15 10:25 AM Acten zum Neusser Kriege, 1472-1475. 3 nehmen gegen den Erzbischof: das Ausschreiben Hess ersehen, dass sein Zug allen Gegnern Ruprechts gelte. Sobald Neuss von der drohenden Gefahr erfuhr (14.18), suchte und fand es Hilfe hei der bereits gerüsteten Nachbarstadt Köln (19. 20. 27. 30. 31), und hur ζ bevor die Feinde die Stadt umlagerten, war Landgraf Hermann von Hessen selbst, Ruprechts Gegner, zur Verteidigung herbeigeeilt (29). Aber icenn der Rath von Köln nicht anhaltend bemüht geivesen wäre, den Belagerten Ersatz zu verschaffen, so ivürde auch die hessische und kölnische Besatzung in Neuss dem mehr als 13000 Mann starken wohlgerüsteten Heere Karls und seinen gefürchtetcn Geschützen (201) nicht ein Jahr lang widerstanden haben. Getreulich erstattete Köln den übrigen Reichsständen Bericht von dem Verlauf der Belagerung, und diese Briefe an den Erzbischof von Trier (38) und besonders m die Städte Strassburg (40. 43. 46. 54. 61. 69. 101) und Basel (106) ergänzen und berichtigen in erwünschter Weise die chronikalischen Berichte. Auch mit den Verteidigern selbst suchte man in Verbindung zu bleiben, und in der That gelang es, mehrfach mündliche und schriftliche Nachricht aus der Stadt zu erhalten (52. 78. 91. 114. 115. 174) und den Verteidigern zuzusenden (49. 63. 70. 84. 96). Vor allem aber bat und mahnte Köln unablässig das Reichs-Oberhaupt, den Bedrängten die Hilfe des Reichs zuzuwenden (21. 37. 44. 76), und als endlich auf dem Augsburger Reichstage der Reichskrieg gegen die Burgunder genehmigt war (37), tvurde von Köln ein gewandter und eifriger Diplomat, Peter von der Glocken, •an den kaiserlichen Hof entsandt, um die Hilfe zu betreiben (51. 56. 57. 75. 80. 81. 85. 95-97. 99.103): ihm war es besonders zu danlien, dass noch im Herbst 1474 aus Süd-und Ostdeutschland Herren und Städte ihr Kriegsvolk an den Rhein entsandten (47. 48. 58. 59. 66. 72). Coblenz war zum Sammelplatz bestimmt; der Kaiser selbst traf dort am Weihnachstage 1474 ein. Oer Termin zum Aufbruch aber musste mehrere Male verschoben werden, da die Stände dem Gebote des Kaisers nur langsam und zum Teil widerwillig nachkamen. So war die Stadt Coblenz vier Monate hindurch das Hauptquartier der gegen Karl d. K. ausziehenden Fürsten. Einem Coblenzer -wahrscheinlich einem Rathsherrn -, welcher das seltene Schauspiel des Kriegslagers der Beschreibung wert hielt, verdanken wir einen ausführlichen Bericht über das Reichsheer und seinen Zug von Coblenz rheinabivärts nach Neuss (193); er weiss Namen und Herkunft der in und bei der Stadt versammelten Reichsstände, besonders der Fürsten und Herren, ebenso genau und vollzählig anzugeben, wie
doi:10.7788/annalen-1889-jg02 fatcat:mxftkuscsfhwrkiian7rckym6e