Welche Faktoren in der Kindheit beeinflussenden Blutdruck im Erwachsenenalter?

S. Bucher, Tschumi, D. Simonetti
2012 Therapeutische Umschau  
Zusammenfassung Die arterielle Hypertonie ist ein wichtiges gesundheitliches Problem und stellt einen starken Risikofaktor für kardiovaskuläre Folgekrankheiten dar. Neue Erkenntnisse zeigen, dass das kindliche Blutdruckniveau den Blutdruck im Erwachsenenalter mitbestimmt. Dieses Phänomen des Weitertragens des Blutdruckniveaus vom Kindes-ins Erwachsenenalter wird als «Tracking» des Blutdrucks bezeichnet. Der kindliche Blutdruck seinerseits wird durch verschiedene Faktoren bestimmt. Bereits das
more » ... immt. Bereits das intrauterine Milieu übt einen gros sen Einfluss auf die späteren kardiovaskulären Funktionen aus («fetal programming»). Zudem gibt es verschiedene Risikofaktoren in der Kindheit, die teilweise vermeidbar (Adipositas, Passivrauchen), teilweise unvermeidbar sind (elterliche Hypertonie). Die Prävention der arteriellen Hypertonie sowie kardiovaskulärer Folgeerkrankungen sollte demnach nicht erst im Erwachsenenalter, sondern bereits während Schwangerschaft und Kindheit beginnen. Einführung 20-25% der Erwachsenen leiden an einem Bluthochdruck, was einen wichtigen Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit, zerebrale Ischämie und Hirnblutung, periphere Verschlusskrankheit, sowie für das Entstehen und Fortschreiten einer chronischen Niereninsuffizienz darstellt. Die Interaktion von multiplen genetischen Determinanten mit zahlreichen Umgebungs-und Ernährungsfaktoren scheint das Niveau des Blutdrucks zu bestimmen. Eine lange Latenz zwischen dem Einwirken eines prädisponierenden Risikofaktors und dem Auftreten einer Krankheit ist v. a. bei Tumor-krankheiten bekannt, wird aber auch bei kardiovaskulären und metabolischen Krankheiten vermutet. Die Entwicklung der kardiovaskulären Funktionen und die Bedeutung des kindlichen Blutdrucks bei der Entstehung der arteriellen Hypertonie und kardiovaskulärer Komplikationen im Erwachsenenalter werden in den folgenden Abschnitten dargestellt. Tracking des Blutdrucks Im Verlauf der letzten Jahrzehnte kam man zur Erkenntnis, dass der kindliche Blutdruck den Blutdruck im Erwachsenenalter mitbestimmt. D. h. ein hochnormaler Blutdruck beim Kind führt normalerweise zu einem hochnormalen Blutdruck im Erwachsenalter. Diese Korrelation wird als «Tracking» des Blutdrucks bezeichnet und stimmt vorwiegend bei Messungen ab dem Alter von 5-6 Jahren, bei Messungen im Kleinkindesalter ist die Korrelation gering 1) . Das Tra-cking des systolischen Blutdrucks ist stärker als das des diastolischen Blutdrucks. Kinder, bei denen ein Blutdruck über der 90. Perzentile gemessen wird, haben ein 2.5-bis 3.6-fach 2), 3) höheres Risiko für eine arterielle Hypertonie und deren Konsequenzen im Erwachsenenalter als Kinder mit einem Blutdruck um die 50. Perzentile. Umgekehrt hatten 48% der hypertensiven Erwachsenen bereits im Kindesalter einen erhöhten Blutdruck 3) . Verschiedene zusätzliche Faktoren beeinflussen dieses Tracking des Blutdrucks, z. B. Übergewicht, körperliche Aktivität und Ernährung 4) (Abbildung 1). Die Blutdruckmessung beim Kind hat durch diese Erkenntnisse an Wichtigkeit gewonnen, da durch die Bestimmung des kindlichen Blutdruckniveaus das Risiko einer arteriellen Hypertonie im Erwachsenenalter und damit das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen eingeschätzt und auch beeinflusst werden kann 1) . Demzufolge nehmen auch Risikofaktoren (pränatale sowie kindliche), welche den kindlichen Blutdruck beeinflussen an Bedeutung zu und werden im Folgenden genauer erläutert. Pränatale Risikofaktoren und das Konzept des «fetal programming» In epidemiologischen Studien in den 60er und 70er Jahren fand man bereits einen Arterielle Hypertonie im Erwachsenenalter Alter (Jahre) Abbildung 1: Schematische Darstellung des Trackings des kindlichen Blutdrucks ins Erwachsenenalter. Das initiale Blutdruckniveau wird durch verschiedene pränatale und kindliche (vermeidbare und nicht vermeidbare) Faktoren mitbestimmt. Sind im Kindesalter die Blutdruckwerte im oberen Bereich (rote Linie), steigt das Risiko im Erwachsenenalter an einer arteriellen Hypertonie zu leiden. Systolischer Blutdruck (mmHg) Alter (Jahre) Arterielle Hypertonie im Erwachsenenalter
doi:10.1024/0040-5930/a000288 pmid:22547361 fatcat:ht6bozezyvdadmwasfcar4fnzq