Die sogenannten Geheimmittel. Populär dargestellt

W. Krause
1867 Archiv der Pharmazie  
Es konnte auffallend erscheinen, wie gerade ein reiner Anatom von Fach dazu komme, einen Gegenstand zu besprechen, der zunachst der praktischen Medicin angehort. Aber vielleicht ergiebt sich daraus andererseits ein besonderer Vortheil und das zu Erorternde wird bereitwilligeres Gehor finden, sobald es von selbst einleucbtet, dass der Anatom durch keinerlei unmittelbares Interesse mit seinem Gegenstande verkniipft ist. Ausserdem handelt es sich bier nur darum, allgemeine Gevichtspuncte
more » ... en, nach denen die vorliegenden Fragen zu beurtheiien sind, wahrend Eingehen in die Details in keiner Weise beabsichtigt wird. Die Quacksalberei ist such in friiheren Jahrhunderten iiblich gewesen, aber die finstersten Zeiten des Mittelalters haben niemals eine solche Marktschreier -Bande ins Feld gestellt, wie das aufgeklarte 19. Jahrhundert. Dime moderne Armee, deren einzelne Fuhrer irgend ein Elixir, Pulver, Pille, Kette oder Pflaster, gedrecbseltee Hola, Milchzucker oder eine Apfelweinflasche, eine *) Vom Hro. Verhsser eingeeandt. W. Krause, die sogenannten Geheimmittsl. 9 Semmel oder einen Kralztersack auf ihre Fahne geschrieben haben, ist zwar unter sich uneins und befehdet sich unter einander in der widerwiirtigsten Weise; sie ist aber darin vollstiindig einverstanden, dass es zur Heilung der Krankheiten gans gleichgiiltig sei, zu wissen, wie der Korper inwendig beschaffen iet. Man brauche vielmehr von der menschlichen Anatomie nur so viel zu kennen, dass jedes kranke Individuum im Nothhlle uber einen Oeldbeutel zu verfigen hate, den man vor aller Heilung zuniichst griindlich anbohren und entleeren rniisse. Urn dieser h6chst wichtigen Heilanzeige zu geniigen, wird seit mehreren Jahrzehnden immer derselbe Operationsplan eingeschlagen, und es ist in der That merkwurdig, dass sehr eelten die versprochene Heilung dei Krankheit, aber stets die Entleerung der Geldborse das Endresultat ist., Wenn heutigen Tages Jemand in seiner urspriinglichen Handthirung Fiasco gemacht hat, so legt er sich nicht selten auf das eintriiglichste Qeschaft, welches fast noch Niemanden im Stiche gelassen hat, niimlich aufs Erfinden in der Heilkunde. Er denkt sich in sorgenvoller, schlafloser Nacht ein beliebiges Instrument aus, gleichviel, was es sei, eine Kette, einen Beutel mit Hammerschlag gefiillt, ein Pilaster, eine Spindel, ja es braucht auch nur ein einfaches Mehlpulver eu sein, er giebt diegem Phantasiestiick einen moglichst abenteuerlichen, zuvor nicht gehorten Namen, ale: Lebenswecker, Reualenta arabica, Booneknmp of Muagbitter, Barfusser Carmeliter mit dem Motto: "Prufet Alles und das Beste behaltet" und wie die Nomenclatur sonst heissen mag. Der Name kann unter Umstdnden den Eigenschaften des sogen. Heilmittels sehr wenig entsprechen. So hat z. B. ein sehr beriihmter, hochatehender, norddeutscher Staatsmann die Bemerkung gemacht, dam in einem vielbesuchten rheinischen Badeort unter dem Namen Jlaagbitter" ein siisser Liqueur verkauft wurde. Auf Befragen erklarte der betreffende Conditor, sein Muagbitter sei
doi:10.1002/ardp.18671790104 fatcat:uoqw645bc5ht5chafhygrvqize