II. Aufbruch in die Normalität: 'Kaderverwaltung' und Reintegration [chapter]

1999 Entnazifizierung in Mecklenburg-Vorpommern  
Schon kurz nach dem Ende des ,Dritten Reiches' orientierten die politischen Verantwortungsträger in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ihre Tätigkeit an einer Wiederherstellung gesellschaftlicher ,Normalität'. In erster Linie ging es ihnen dabei um die Lösung der Probleme der Zusammenbruchgesellschaft, die den Menschen in allen vier Besatzungszonen das Leben schwermachten. Im vorhergehenden Kapitel zeigte sich, wie unmittelbar diese Prozesse in der SBZ bereits mit gesellschaftlichen
more » ... haftlichen Strukturveränderungen verbunden waren. Das Ausmaß der Veränderungen hing davon ab, welche Bedeutung die einzelnen politischen und gesellschaftlichen Bereiche für die Umgestaltungspolitik von Besatzungsmacht und deutschen Kommunisten hatten. Den zahlreichen Beispielen für eine gewisse Liberalität und Pluralität, wie sie in der Jugendarbeit, Kultur-und Kirchenpolitik zu finden waren, standen tiefgreifende und mit Vehemenz durchgesetzte Reformen wie in der Wirtschafts-, Agrar-und Verwaltungspolitik entgegen. Bei der Durchsetzung ihrer Variante der gesellschaftlichen .Normalisierung' konnte die KPD auf die enge Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht vertrauen. Die in diesem Bündnis begründete Stärke wurde noch unterstützt durch den antikapitalistischen Grundkonsens der frühen Nachkriegszeit und den in der Blockkonzeption manifest gewordenen weitverbreiteten Willen zur parteiübergreifenden Zusammenarbeit. Durch ihre wiederholte Bezugnahme auf eine vermeintliche Normalität beteuerte die KPD zudem, daß sie keine revolutionären Veränderungen, sondern nur die Etablierung einer bürgerlich-demokratischen Ordnung anstrebte. 1 Das Zusammenspiel von sowjetischer Besatzung, kommunistischer Hegemonie und allgemeiner Kooperationsbereitschaft war der Grund für die geringe Anzahl politischer Konflikte in der SBZ. Die in Mecklen-burg· Vorpommern bereits wenige Wochen nach Installierung der Landesverwaltung durchgesetzte Vormachtstellung des ersten Vizepräsidenten Johannes Warnke ist ein herausragendes Beispiel für den Erfolg dieser Strategie der strukturellen Veränderungen unter bündnispolitischen Vorzeichen. 1 Siehe z.B. Erler/Laude/Wilke, Hitler, S. 395; MLHA, MinPräs 1309, Bl. 2; MLHA, MinPräs 1458, Bl. 14; MLHA, Mdl 245, Bl. 73f.; SAPMO-BA, NY 4036 (NL Pieck), 421, Bl. 147f.; Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Geschichte, Bd. 6, S. 403. Durch den Begriff der ,Normalität' suchten die Kommunisten ihre Zielsetzungen implizit zu verallgemeinern, ohne darüber ausdrücklich Rechenschaft ablegen zu müssen. Daß die Kommunisten die sozioökonomischen Strukturveränderungen und sogar die sowjetische Besatzung für ,normal' hielten, formulierte Wilhelm Pieck in einer KPD-Schule in der Sowjetunion im März 1945: "Das ganze Leben" werde sich "unter der strengen Kontrolle der Besatzungsbehörden vollzieh[en]", und "je energischer und konsequenter" die gesellschaftlichen Veränderungen "durchgeführt werden, um so schneller wird ein geordnetes, normales Leben ermöglicht werden" (Lektion am 10. 3. 1945, in: SAPMO-BA, NY 4036 [NL Pieck], 421, Bl. 147f.). Unauthenticated Download Date | 2/26/20 4:41 PM 2 Allerdings wurde auch die Wirtschaftspolitik schon im Herbst 1945 durch die SMAD-Befehle Nr. 124 und 126 auf zonaler Ebene systematisiert, die Bestimmungen über zu enteignende Personen und Organisationen enthielten. Zahlreiche Beschlagnahmungen harrten seitdem der endgültigen Enteignung oder der Rückgabe der als unrechtmäßig sequestriert anerkannten Güter. Ende Juni 1946 fand der diesbezügliche Volksentscheid in Sachsen statt, dem das mecklenburgische "Gesetz Nr. 4 zur Sicherung des Friedens durch Uberführung von Betrieben (Eigentumskategorien) der faschistischen und Kriegsverbrecher in die Hände des Volkes" vom 16. 8.1946 entsprach (Amtsblatt, Nr. 6 [1946], S. 98ff.; siehe Badstübner, Geschichte, S. 132-138; Barthel, Ausgangsbedingungen; Erdmann, Enteignung; Errichtung, S. 153-171; Heitzer, DDR, S. 51-56; Matschke, industrielle Entwicklung; Matschke, wirtschaftliche Entwicklung; Staritz, Gründung, S. 108ff.; Wilhelm, Heranbildung; Zank, Wirtschaft, S. 47-56). 3 Deutsche Volkszeitung, 15. 11. 1945. 4 Zitiert nach Meinicke, Entnazifizierung (Diss), S. 127. 5 Balla formuliert .Kaderverwaltung' in Abgrenzung von Max Webers Idealtypus ,Bürokratie' als vorwiegend in .volksdemokratischen' Staaten auftretenden Idealtypus von Verwaltungsarbeit; dazu ausführlich Kapitel II.l, S. 130-136. Balla analysiert langjährige Entwicklungen in Ost-und Mitteleuropa, so daß zahlreiche Elemente in der SBZ und besonders im ländlichen Mecklenburg-Unauthenticated Download Date | 2/26/20 4:41 PM Aber die Verwaltung sah sich nicht belohnt: Mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Sowjetischen Militäradministration Deutschlands (SMAD) verfügte der Präsident der Zentralfinanzverwaltung in der SBZ, Henry Meyer, am 22. Februar 1946 in einem Runderlaß, 7 daß ehemalige Nazis, "soweit sie noch nicht entlassen worden sind, zu-Vorpommem der vierziger Jahre noch nicht entwickelt waren und sich teilweise erst abzeichneten. Glaeßner, Herrschaft, S. 99ff., kritisiert Bailas Ehrgeiz und Sakrileg, ,Kaderverwaltung' als gleichberechtigten Idealtypus neben den der ,Bürokratie' des Vaters der Soziologie zu stellen. Seine Kritik ist hier nicht von Bedeutung, da sie sich auf die "umfassenden Veränderungen" des Kaderbegriffs seit Mitte der fünfziger Jahre bezieht, wonach er zunehmend stärker auf fachliche statt politische Qualifikationen bezogen wurde; auch Rudolph arbeitet heraus, daß der Kaderbegriff in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und auch der DDR starken Veränderungen unterworfen war und daß jede "Phase der Begriffsentwicklung [...] eine gewisse Begriffserweiterung" mit sich gebracht habe (Rudolph, Kader, S. 124; siehe auch Schwarzenbach, Kaderpolitik, S. 46f.; Müller, Kader). 6 Personalamt am 25. 2. 1946 an die Präsidialabteilung (MLHA, Mdl 761). 7 MLHA, MinPräs 3, Bl. 33. Am Schluß des Schreibens wurde auf acht zusätzliche Exemplare des Erlasses und neun "Abschriften der Zustimmungserklärung der SMA" verwiesen; dies war zur Legitimation der Zentralverwaltung notwendig, da sie für zonale Anweisungen weder die formale Befugnis hatte noch die politische Akzeptanz bei den Landespolitikern fand (siehe Kapitel III.2, S. 210-216). Dies war eine der wenigen Verordnungen einer Berliner Zentralverwaltung zur Per-Unauthenticated Download Date | 2/26/20 4:41 PM sonai-und Entnazifizierungspolitik vor dem Herbst 1947, die bis dahin fast ausschließlich in den Händen der Sowjets und der Landes-bzw. Provinzialverwaltungen lag. 8 Beschluß der KPD-Reichskonferenz vom 2./3. 3. 1946 über "die nächsten Aufgaben der KPD beim Neuaufbau Deutschlands" (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Geschichte, Bd. 6, S. 403). 9 Anweiler, Schulpolitik, S. 21-26; Um ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland, S. 128ff. 10 MLHA, MinPräs 1459, Bl. 140f., 144f.; MLHA, MinPräs 1463, S. 75f. In Greifswald sollten eine philosophische, medizinische, landwirtschaftliche und theologische Fakultät eingerichtet, in Rostock Philosophie, Theologie, Landwirtschaft und Jura gelehrt werden. NSDAP-Mitglieder und ehemals aktive HJler blieben ausgeschlossen; die Landesverwaltung hatte die von den Rektoren vorgeschlagenen Lehrenden und Studierenden zu prüfen und mit einer eigenen Beurteilung der Besatzungsmacht vorzulegen. Ein Verzeichnis der seit 1945 aus der Universität Greifswald ausgeschiedenen Lehrkräfte von 1946 zählt 103 Personen auf, von denen als Begründung 46mal "Pg" angegeben wurde; etwa 15 waren geflohen oder nicht zurückgekehrt, und zwölf Personen hielten sich in einer westdeutschen Stadt auf. Die entsprechende Liste aus Rostock nannte fünfzig Personen, von denen dreißig Pgs waren, einige als Soldaten "aus dem Wehrdienst nicht zurückgekehrt", einige geflüchtet und einige gestorben seien; nur zwei lebten in einer westdeutschen Stadt (MLHA, MfV 2419, Bl. 8-12). Zur Wiedereröffnung und der Nachkriegsgeschichte der Universitäten siehe auch: Wissenschaftliche Zeitschrift der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock. G-Reihe, Jg. 35 (1986) Nr. 1, S. 1-82; Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Gesellschafts-und Sprachwissenschaftliche Reihe, Jg. 23 (1974) Nr. 3/4.
doi:10.1524/9783486596038-004 fatcat:hv7cy43me5glvo2k4szqbebpsq