Krönungsordnungen für und Papstbriefe an mächtige Frauen im Hochmittelalter

Brigitte Kasten
2018
I. Vo rbemerkung-II. Zum Symbolgehalt der heiligen Frauen in den Krönungsordnungen für Kaiserinnen und Königinnen -III. Papstbriefe an mächtigeFrauen -IV. Ergebnis I. Vo rbemerkung Mächtige Frauen hat es zu allen Zeitenund überall gegeben als intelligente Ehefrauen, als kluge Konkubinen, als hochgeschätzte Mütter,a ls Ratgeberinnen und Vermittlerinnen, als Frauen mit einemg roßen Vermögen oder vong roßer Schönheit oder als verwitwete Matronen.H errschaftk ann sowohl mehr als auch weniger als
more » ... auch weniger als Macht sein. Sie realisiert sich während des Mittelalters im Idealzustand als legitimierte Macht in der Person des Königs oder des Fürsten. Ofts ucht man nur bei schwachen Königen gezielt nach den Machtspielern im Hintergrund. Beim Phänomen der sogenannten weiblichen Herrschaft hingegen geht die Forschung, die mittlerweile kaum vollständig zu überblicken ist, im Gegenteil davon aus, dass Macht und Herrschafti nd er Regel keineswegs übereinstimmen. Das scheintdaran zu liegen, dass hier die Frage der Legitimation besonders uneindeutig zu beantworten ist, wasoffensichtlich nicht primär an der Quellenlage liegt, sondern ein teils verfassungsgeschichtliches und teils vonder individuellen historischen Autorität abhängiges Problem ist. Hat die Salbung und Krönungder Kaiserin oder der Königin eine verfassungsrechtlich gesicherte Position in der Herrschafta ls Teilhaberin verliehen, oder genügte die Tatsache, mit einem Kaiser oder König verheiratet zu sein, um den Titel der Kaiserin oder Königin zu führen, als consors regni qualifiziert zu sein und damit verbundendie vollen Einflussmöglichkeiten zu erhalten?Die Antworten fallen unterschiedlich aus, doch tendiert die deutsche Forschung derzeit zu der Annahme, dass mehr als die durch die consors-regni-Formel bekundete Teilhaberschaftesprimär die Institution der Ehe war, die der Kaiserin und der Königin eine legitimierte Macht gab und ihr öffentliche Herrschaftsrechte verlieh -sojedenfallsdie ziemlich einmütige Einschätzung zu früh-und hochmittelalterlichen Königinnen 1) . Beim Versuch, die weibliche Herrschaft zu begreifen, wird es noch komplizierter, wenn Herrschaftu nd Regierung auseinander dividiert werden.W arum mittelalterliche Königinnen herrschen, aber nicht regieren,fragt sich Klaus vanE ickels unter Bezug auf ein Zitat aus der englischen Verfassungsordnungdes 17. Jahrhunderts (»The king reigns, but he does not rule«) 2) .S eine These lautet, dass die Königin auf eine indirekte Herrschaftsausübung verwiesen war, weil sie sich des Liebes-und Freundschaftsdiskurses nicht bedienen konnte. Die männliche Herrschaftund Regierung wird üblicherweise als dilectio und/oder amicitia des Königs zu seinen Untergebenen verbal ausgedrückt. Die Sprache der Liebe -etwaimV erhältnis zwischen Königinund Kämmerer, der ihr zumindest im 9. Jahrhundertdirektunterstand, oder zwischen ihr und anderen Großen des Reiches -wäre unschicklich gewesen. Darauf sei die zeremonielle Zurücksetzung der Königin im liturgischen Geschehen,besonders in Frankreich,wosie im Gegensatz zum König keinen Friedenskuss erhielt, zurückzuführen. Es wird zu prüfens ein, ob wirb ei der Trennung vonHerrschaftund Regierung oder vonRepräsentation und Macht nicht Maßstäbe aus den Zeiten der Moderne anlegen, die auf eine konstitutionelle Monarchie bezogen sind, die es im Mittelalter noch nicht geben kann. Selbständigeherrschende Königinnen, wie bei der männlichen Herrschafth ergeleitet aus dem Erbrecht, gab es allem Anschein nach nur in den Randzonen des lateinischen Abendlandes, auf der Iberischen Halbinsel, in den Kreuzfahrerstaaten,inByzanz, in Georgien und darüber hinaus in einigen skandinavischen Ländern. Alleinregierende Fürstinnen scheintesöfter und vorallem auch in zentralen Regionen Europas gegeben zu haben. Ansonsten beschränkte sich die weibliche Herrschafta uf temporäre Regentschafteni m 1) Marion F. Facinger,AStudy of Medieval Queenship. Capetian France, 987 -1237, in: Studies in Medieval and Renaissance History 5, hg. vonW illiam M. Bowsky,L incoln 1968, S. 3-48, hier S. 23 f.; Franz-Reiner Erkens,D ie Frau als Herrscherin in ottonisch-frühsalischer Zeit, in: Kaiserin Theophanu. Begegnung des Ostens und We stens um die We nde des ersten Jahrtausend. Gedenkschriftd es Kölner Schnütgen-Museumszum 1000. To desjahrder Kaiserin, hg. vonAnton vonEuw/Peter Schreiner,Köln 1991, Bd. 2, S. 245 -259, hier S. 250 und S. 259; Amalie Fçssel,D ie Königin im mittelalterlichen Reich. Herrschaftsausübung,H errschaftsrechte, Handlungsspielräume (Mittelalter-Forschungen 4), Stuttgart 2000, S. 66. Bei Martina Hartmann,Die Königin im frühen Mittelalter, Stuttgart 2009, S. 162 -165 wird dies implizit vorausgesetzt. -Der nachfolgende Beitrag ist 2010/11 erstellt worden. Einschlägige Literatur, die danach erschienensein könnte, ist mir nicht bekanntgeworden und wird hier nicht berücksichtigt. Verwiesen sei lediglich auf Uta-Renate Blumenthal,P äpstliche Urkunden, Briefe und die europäische Öffentlichkeit, in: Erinnerung-Niederschrift-Nutzung. Das Papsttumund die Schriftlichkeit im mittelalterlichen We steuropa, hg. vonKlaus Herbers/Ingo Fleisch (Abh. Göttingen, N. F. 11:Studien zu Papstgeschichte und Papsturkunden), Berlin/New York 2011, S. 11 -29. 2) Klaus vanEickels,W arum mittelalterliche Königinnen herrschten,aber nicht regierten..., in: Genderforschungi nB amberg, hg. vonM arianne Heimbach-Steins/Bärbel Kerkoff-Hader/Eleonore Ploil/ Ines Weinrich (Forschungsforum. Berichte aus der Universität
doi:10.11588/vuf.2015.0.46254 fatcat:uv57l3j3dfc2pkjiujw5audcny