Die Behandlung der chirurgischen Tuberkulose

Erich Lexer
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Ich komme der Aufforderung der Schriftleitung, meinen Standpunkt in der Frage der Behandlung der chirurgischen Tuberkulose darzulegen, gerne nach, indem ich einen "Fortbildungsvortrag für Aerzte" veröffentliche, den ich im Februar 1921 hier gehalten habe. Im übrigen sind meine Grundsätze ausführlich in meinem Lehrbuch der Allgemeinen Chirurgie enthalten. Ich habe deshalb auch die Rundfrage des Referenten des Chirurgenkongresses nur mit dem Hinweis auf das Lehrbuch beantwortet und in der
more » ... und in der Annahme, daß bei der Verbreitung dieses Buches mein Standpunkt bekannt sein dürfte, mith auch nicht an der Aussprache am Chirurgenkongreß beteil.gt. Die Behandlung der chirurgischen Tuberkulose hat häufig Wandlungen durchgemacnt. Das Stetige im Wethsel der Behandlung war immer ein Ueberwiegen der operativen Maßnahmen, wenn neue Mittel für die konservative Behandlung versagt hatten. Heute befinden wir uns wieder in einem Zeitpunkt, wo die konservativen Verfahren im Vordergrunde stehen, zum Teil so stark, daß man verschiedentlich glaubt, auf die Operation fast immer verzichten zu können. Es erscheint mir daher wichtig, unseren klinischen Standpunkt darzulegen, um so mehr, a 1 s w j r h e u t e i n d e r K I j n I k häufiger als je, namentlich bei Oelenktuberku lose, zur Operation gezwungen werden, weil die Fälle vielfach, trotz ihrer Verschlechterung unter der ko n s ervativen Behandlung, verschleppt oder durch gänzlich ungenügende Eingriffe verschlechtert worden sind. Bezüglich der letzteren kann man die Aerzte nicht genug davor warnen, daß sie bei der granulierenden Form der Gelenktuberkulose die lnzisiori der Fungusmasse vornehmen und tuberkulöse Abszesse spalten, wenn unter ihnen nicht ihre Quelle leicht erreichbar und entfernbar liegt. Mit Mischinfektionen aller Art, mit Lymphangitis, Erysipel, citer.gen Phlegmo.en und Streptokokken-Allgemeininfektion sind solche inzidierten (Jelenktuberkulosen und Senkungsabszesse aller Art zur Klinik gekommen und nur mit Mühe uñd langer Behandlung vor der Amputation bewahrt worden. Die operative B e h a n dl un g der örtlichen Tuberkulose muß im Gegenteil stets gründlich sein. Die Indikätion zur Operation darf nicht erst dann ausgesprochen werden, wenn die konservative Behandlung versagt hat und die örtliche Tuberkulose wie das Allgemeinbefinden sich unter ihr verschlechtert haben, sondern sie richtet sich nach bestimmten Regeln. Bei der synovialen Qelenktuberkulose ist die Operation am Platze, wenn die tuberkulösen Granulationen, statt narbig zu schrumpfen, eitrig zerfallen, wenn die Zerstörung der Gelenkknorpel und der Gelenkkapsel pathologische Oelenkstellungen eintreten läßt, oder wenn Fisteln zu Eingangspforten putrider und allgemeiner Infektionen werden. Bei der ossalen Gelenktuberkulose suchen wir durch frühzeitige Entfernung und Ausheilung des Herdes die konservative Behandlung der Gelenkerkrankung zu fördern. Nur bei Kindern lohnt sich der Versuch einer konservativen Behandlung auch der ossalen Form. Die operative Indikation liegt ferner vor, wenn das Allgemeinbefinden während der konservativen Behandlung leidet oder das Alter und die Hinfälligkeit des Patienten oder Organtuberkulosen eine rasche Befreiung von dem tuberkulösen Gelenk nötig machen. Bei der Knochentuberkulose operiere ich stets, wenn leicht erreichbare Sequester die Abszedierung unterhalten, bei entfernt liegendem Herde üben wir die alte Abszeßbehandlung mit Punktion und Injektion mit Jodoformglyzerin. Durch frühzeitige Beseitigung von Epi-und Metaphysenherden bewahrt man das Gelenk vor der Infektion infolge eines Durchbruches. Bei der S pond y lit is t u b e r culos a ist die Abszeßspaltung nur dann angezeigt, wenn der Abszeß am Rücken liegt und von einem Wirbelbogen ausgeht, dessen erkrankte Partie dann entfernt wird, im übrigen nur, wenn eine Kompressionsmyelitis sich eingestellt hat und unter dem Streckverband nicht zurückgeht Doch darf man mit der Laminektomie nicht zu lange warten, um einen guten Erfolg Antonstraße 15 zu erhalten. Die künstliche Versteifung der Wirbelsäule mit Hilfe der Knochentranspiantation lehne ich ab. Diese meist nach A 1 b e e benannte, aber vor diesem schon von H e n I e ausgeführte und veröffentlichte Operation ist für den an Tuberkulose leidenden Menschen nach meinem ärztlichen Gefühl eine zu ausgedehnte Operation und hat nicht den Vorteil, den man von ihr erwartet, nämlich den, einer raschen und zuverlässigen Ruhigstellung der erkrankten Wirbelpartie. Dazu kommt, daß sie auch bei dem kompliziertesten Verfahren, wie es jüngst von Meyerding angegeben worden ist, keine zuverlässige Erhaltung des Knochentransp.antates gewährleisten kann, da dieses nur am Wirbelbogen selbst einen knöchernen Mutterboden findet, zwischen den Bogen aber oft resorbiert wird oder wegen der hier nur langsam vor sich gehenden Subsitution einbricht, ganz gleichgültig, ob man das Transp'antat nach H e n 1 e zu beiden Seiten der Dornfortsätze auf die periostentbiöfiten Bogen befestigt, nach Albee unter Entfernung der Dorniortsätze in Einkerbungen ihre Basis einpflanzt oder nach M e y e r d i n g seitlich an der Basis der Dornfortsätze nach Aussagen eines kleinen Knochenstückes einlagert Außerdem erfordert die sichere Einheilung, d. h. die Umwandlung zu lebendem und widerstandsfähigem Knochengewebe, mindestens 1/2 Jahr. Während dieser Zeit mud die Wirbelsäule sehr genau mit Verbänden festgestellt werden, um Trarisplantatbrüche zu vermeiden. Die Behandlung ist also nicht kürzer als andere Methoden, zwingt zu einengenden Verbänden oder zu langem Liegen im Bett und entbehrt trotzdem jeder Sicherheit. Bei der Lymphdrüsentuberkulose ist die Operation mit Ausschälung der Drüsen bei großen, vereinzelten, mit der Umgebung nicht oder nur wenig verwachsenen Paketen im Erfolg rascher als eine andere Behandlung, doch muß die entsprechende Nachbehandlung (s. u.) folgen. Lyniplidrüsenabszesse sind zu punktieren. Die Hauttuberkulose gibt heutzutage selten Anlaß zu operativen Eingriffen, am häufigsten noch bei beschränkter Ausdehnung im Gesicht aus kosmetischen Gründen. Als Hauptmittel zur konservativen Behandlung der chirurgischen Tuberkulose wird heute vielfach die von Bernhard und Rollier eingeführte Sonnenbehandlung im Hochgebirge angesehen. Die ausgezeichneten Erfolge, welche in sorgfältig geleiteten Anstalten (in Deutschland Sanatorium von B a e k e r , in Rietzlern, Allgäu) erzielt werden, sind bekannt. A b e r m a n d a r f n i e h t glauben, daß die Sonne dabei das einzige Heilmittel sei. Das Höhenklima, die reine Luft und die kräftige E r n ii h r u n g , welche die Patienten in solchen Anstalten genießen, dürfen als wichtige Faktoren nicht außer Rechnung gestellt werden.
doi:10.1055/s-0028-1140797 fatcat:j4og6rpj7vbkvdaxt74d6lx7be