Der Entscheid des Pilatus - Exekutionsbefehl oder Todesurteil?

Josef Blinzler
2014
Seitdem der Jenaer Theologe und Jurist Johannes S t e 11 e r in seinem erstmals 1674 zu Dresden erschienenen Werk "Pontius Pilatus defensus" die Ansicht vertreten hat, daß Pilatus im Verfahren gegen Jesus von Nazareth nur als Bestätiger und Vollstrecker des jüdischen Urteils tätig gewesen sei, ist diese These von zahlreichen Rechtsgelehrten vorgetragen worden. Auch in unserem Jahrhundert haben sich zu ihr fast alle Juristen bekannt, die über den Prozeß Jesu geschrieben haben, so Theodor M o m m
more » ... s e n , Johannes Merkel-Göttingen, Ernst S i e f e r t -Halle, Gustav L i p p e r t -Wien und mit besonders umfassender Begründung der Prager Rechtshistoriker Robert v o n M a y r und in engem Anschluß an diesen der Münchener Strafrechtler Friedrich Doerr 1 ). Obwohl die These auch bei manchen Exegeten Anklang gefunden hat, kann sie doch als Ausdruck des Standpunktes der Juristen angesprochen werden. Die Mehrzahl der Bibelausleger vertritt demgegenüber die Ansicht, daß die Entscheidung des Pilatus nicht ein Exekutionsbefehl, sondern ein Todesurteil gewesen ist. Für diese Auffassung habe ich mich auch in meiner Schrift über den Prozeß Jesu ausgesprochen. 2 ) Da die Frage dort nur beiläufig behandelt werden konnte, sei sie im folgenden unter Berücksichtigung der inzwischen erschienen Spezialliteratur etwas eingehender untersucht. I. Nahezu ausschließlich mit unserem Thema beschäftigt sich Dr. jur. Wilhelm von Ammon (München) in einem im Vorjahr erschienenen Aufsatz mit dem Titel "Das Strafverfahren gegen Jesus von Nazareth" 3 ). Er stellt sorgfältig und objektiv sämtliche Argumente zusammen, die in den verschiedenen Partien meines Buches zugunsten der Ansicht von einem formellen Pilatusurteil vorgebracht werden, und erklärt sie nach eingehender Würdigung für nicht beweiskräftig. Ihm zufolge hat Pilatus "in einem formlosen Verwaltungsverfahren geprüft, ob gegen die Vollstreckung des Todesurteils des Synedriums Bedenken bestanden, und nach Verneinung dieser Frage die Vollstreckung des Urteils angeordnet" (S. 71). Für diese Lösung führt v. Ammon negative (1) und positive (2) Gründe ins Feld. *) Gekürzte Fassung eines am 4. 7. 1954 in Regensburg anläßlich der Tagung bayerischer Richter und Staatsanwälte gehaltenen Vortrags. *) Die Literaturbelege s. in meiner Schrift: Der Prozeß Jesu, Stuttg. 1951,5. 2 ) S. dort S. lOOf. -Auf die sicher unhaltbare Ansicht, die Entscheidung des Pilatus sei eine formlose Preisgabe Jesu an die Juden gewesen, braucht hier nicht eingegangen zu werden. 8 ) Nachrichten der Evang.-Luth. Kirche in Bayern 8 (1953) 69-72.
doi:10.5282/mthz/395 fatcat:cu3o4zh22bcapeggt6k63k2guq