Nochmals der coffeinfreie Kaffee

Erich Harnack
1909 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Ilarnack, Professor der Medizin in Halle. Der von mir in No. 45 (1908) der Deutschen medizinischen Wochenschrift publizierte Artikel über den coffeinfreien Kaffee war bereits gegen Ende Juli der Redaktion zugesandt worden. Durch äußere Gründe verzögerte sich sein Erscheinen ein wenig, und so wollte es der Zufall, daß die Veröffentlichung gerade in eine Zeit fiel, in der eine bekannte Broschüre erschien, die das Signal zum Ausbruch eines heftigen Kampfes geben sollte. Es bedarf nicht erst der
more » ... f nicht erst der Erklärung, daß ich für meine Person jener ganzen Angelegenheit vollständig fern stehe und überhaupt erst durch die Broschüre Kenntnis davon erhalten habe. Insofern würde das rein zufällige zeitliche Zusammentreffen, an dem ich, wenn ich es auch békiage, völlig unschuldig bin, mich nicht veranlaßt haben, nochmals auf den Gegenstand zurückzukommen. In meinem Artikel habe ich indes, abgesehen von meinem prinzipiellen Standpunkt zur Sache, der dadurch natürlich nicht berührt wird, eine Reihe von Bedenken in fragender Form geäußert, die mit dem Herstellungsverfahren des coffeinfreien Kaffees in Zusammenhang stehen; d. h. soweit überhaupt das Verfahren in allen Einzelheiten mir und der Oeffentlichkeit bekannt war. Eine befriedigende Antwort auf jene Fragen konnte natürlich nur die das Produkt produzierende Firma selbst erteilen. Zu dem Zweck richtete die Firma in Bremeni) an mich die Aufforderung, den ganzen Betrieb selbst zu besichtigen, um mir durch eigene Anschauung Kenntnis von dem Verfahren nach allen Richtuugen hin zu verschaffen. Ich mußte es selbstverständlich für meine Pflicht halten, dieser Aufforderung Folge zu leisten; denn erstens ist mein Streben auf vollkommene Objektivität gerichtet, und sodann war mir das rein technische Problem als solches von nicht geringem Interesse. Man muß zugeben, daß eine technisch schwierige Aufgabe, soweit sie überhaupt als lösbar zu bezeichnen ist, hier in der Tat ihre Lösung 1) Es handelt sich ausschließlich uni den sogenannten Kaffee ,Hag. gefunden hat. Letzteres gilt namentlich auch von der Gewinnung des sehr wertvollen "Nebenproduktes", des Coffeins, das in erstaun licher Menge und im Zustande hoher Reinheit erhalten wird. Auf die Bedingung, eine gewisse Diskretion zu bewahren, trug ich kein Bedenken einzugehen, da ich mir sagen mußte, daß eine technische Methode im Laufe der Zeit so manche Verbesserungen erfahren kann, die der Urheber nicht vorzeitig der Oeffentlichkeit übergeben will. In allem übrigen habe ich mir natürlich meine Selbständigkeit gewahrt. Die Fabrik wurde von mir, während sie in vollem Betriebe war, in allen Teilen besichtigt, und ich habe das Verfahren von Anfang bis zu Ende verfolgt und genau geprüft, d. h. von der ersten Behandlung der Rohbohne an bis zur Rüstung, Wägung, Verpackung und quantitativen Analyse. Die maschinellen Einrichtungen, welche überall die Menschenhand ersetzen, sind bis zur Herstellung der gefütterten Papiersäcke überraschend ingeniös und hygienisch. einwandfrei. Ich darf bezeugen, daß mir bei der Besichtigung nichts vorenthalten wurde und alle an die Einzelheiten sich anknüpfenden Fragen eine rückhaltlose Beantwortung fanden. Demnach habe ich über die folgenden Punkte einen befriedigenden Aufschluß erhalten: Es ist vollkommen ausgeschlossen, daß bei dem Verfahren, dem die Bohne unterworfen wird, irgendwelche fremdartigen Salze, wie speziell Ammonsalze oder Sulfite, in das Produkt übergehen. Das zur Extraktion des Ooffeins benutzte Benzol ist von vollkommener Reinheit, und es ist durch immer aufs neue entnommene Proben Gewähr dafür geleistet, daß auch die letzten Spuren von Benzol dem Produkte wieder entzogen werden. Die Rohbohne verliert außer dem Coffein nur ein kleines Q uantum einer öligen Substanz und einen besonders von der Oberfläche der Bohne entstammenden Stoff, der auffallend an sogenanntes Baumwachs (vegetahilisches Wachs) erinnert und in kompakten Schichten eine schwärzliche Färbung zeigt. Der Gehalt des fertigen Produktes an Coffein schwankt zwischen 0,02 und 0,15 %. Es werden von sämtlichen Sorten, ehe sie die Fabrik verlassen, quantitative Analysen ausgeführt, und es ist fortlaufend Gewähr dafür geleistet, daß die in den Handel kornmenden Sorten höchstens den zehnten Teil des normalen Coff eingehaltes gerösteten Kaffees enthalten. Man darf daher, wenn auch nicht vom streng chemischen, so doch vorn praktisch-medizinischen Gesichtspunkte aus das Produkt als "coffeinfrei" bezeichnen. Damit stimmen auch die Ergebnisse der bisher ausgeführten klinischen Versuche überein, wonach selbst bei Genuß sehr beträchtlicher Mengen des coffeinfreien Kaffees diejenigen Wirkungen, die ausschließlich auf das Coffein zurückzuführen sind, nicht beobachtet werden konnten. Wie ich bereits am Schluß meines Artikels betont habe, hat über den Wert des derart beraubten Genußmittels die, praktische Erfahrung ein gewichtiges Wort mitzureden, aber es muß verlangt werden, daß die Erfahrung erst die Probe der Zeit besteht. Man trinkt bei uns jetzt Kaffee seit bald 200 Jahren, coffeinfreien seit kaum zwei Jahren, und doch knüpfen sich auch an den Kaffee noch so manche ungelöste Fragen an. In der Voraussetzung, daß das Coffein das Gift des Kaffees sei, hat man es herausgenommen und damit der Zeitströmung, die die ,gifthaltigen Genußmittel" bekämpft, entsprochen. Es hat sich kürzlich Dr. E. Schlesinger') dahin geäußert, man könne es doch nicht gut als eine nur der Gegenwart angehörige Strömung bezeichnen, da man ja schon in früheren Zeiten den Kaffee heftig bekämpft habe, ohne ihn doch besiegen zu können. Das ist mir nicht nur wohl bekannt, sondern ich habe auch in einer früheren kleinen Abhandlung verschiedene Proben dafür beigebracht, wie sehr das Charakterbild des Kaffees in der Geschichte geschwankt hat'). Man hat seinerzeit in deutschen Landen den Genuß des Kaffees selbst unter Androhung von Stockprügeln verboten! Der große Friedrich war sehr ungehalten über den unnütz an das Ausland für den Kaffee entrichteten Tribut und suchte es in seinen Staaten durchzusetzen, daß der Mittelstand wieder zur warmen Biersuppe und ähnlichen inländischen Erzeugnissen zurückkehre. In einem vor etwa hundert Jahren verfaßten Lustspiele läßt Kotzebue eine junge Frau vor dem Gatten ihre Spar samkeit mit den Worten rühmen: "--hab ich mir nicht den Kaffee abgewöhnt, die Morgenstunde bei dem warmen Bier verstöhnt? weil unsre Väter sich dabei, die alten Knaben, wie Hufeland versichert, wohl befunden haben?" Und selbst ein Goethe schreibt an Frau y. Stein, nachdem der Bruch zwischen ihnen eingetreten, sie wäre verdrießlich geworden, da sie seinen Rat, den Kaffee sich abzugewöhnen, nicht befolgt hätte! 0-enützt hat alles das freilich auf die Dauer nichts, der Kaffeekonsum stieg nur mehr und mehr, und die Bohne ist längst zu einem Artikel geworden, der den Welthandel im vollsten Sinn Schlesinger, Deutsche medizinische Wocheuschrift 1908, No. Si. Ham ach, Deutsche medizinische Wochenschrift 1907, No. 1. Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1201281 fatcat:zpvpvh3de5hdbpjccrxvyhlegu