Darf der Arzt der vom Ehemann mit Lues infizierten Frau die Natur ihres Leidens verschweigen?

Fritz Schlesinger
1909 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in No. 49 (1908) der Deutschen medizinischen Wochenschrift empfiehlt Macry den Aerzten, eine durch ihren Ehemann mit Syphilis infizierte Frau in jedem Falle über die wahre Natur ihres Leidens aufzuklären. Macry begründet seine Forderung durch einen Fall seiner Praxis, in welchem die nicht aufgeklärte, tertiär luetische Frau infolge von Unkenntnis der Natur ihres Leidens und Irrtums ihrer ärztlichen Berater zu gesundheitlichem Schaden gekommen ist. Gesetzt den Fall, Macry s Forderung würde von
more » ... rderung würde von den Aerzten allgemein akzeptiert, würde dann ein Fall wie der geschilderte unmöglich sein? Sicher nicht! Denn gar manche tertiäre Syphilis wird ärztlicherseits nicht erkannt, auch wenn der Patient von der Tatsache der Infektion sowie von den zu erwartenden Folgeerscheinungen unterrichtet ist. Eine Belehrung über die Tertiärerscheinungen kann doch nur ganz allgemein gehalten sein. Denn es erscheint bedenklich, dem ohnedies deprimierten Kranken das ganze Heer der möglichen Folgeerscheinungen ausführlich zu schildern. Oft hält deshalb der Patient trotz aller Belehrung einen Zusammenhang seiner Beschwerden mit der Jahre zurückliegenden Infektion für so unwahrscheinlich, daß er die Erwähnung der Infektion dem Arzte gegenüber für belanglos hält. lEch sehe dabei von den Patienten ganz ab, die aus Scham oder aus anderen Gründen die ihnen bekannte Tatsache der Infektion absichtlich verschweigen. Die Fälle, in denen der Arzt durch spontane anamnestisehe Angaben einer Patientin auf deren luetische Infektion aufmerksam gemacht wird, werden deshalb trotz aller Aufklärung immer selten sein. Da-mit wird die von Macry gefürchtete strafrechtliche Verantwortlichkeit des verschwiegenen Arztes gegenstandslos. ist so der Nutzen des von Macry empfohlenen Verhaltens recht zweifelhaft, so dürfte auf der anderen Seite dadurch schwerer Schaden angerichtet werden. Einmal würde gar manche glückliche Ehe durch die unangebrachte Offenheit des Arztes zerstört werden. Dann aber würde die allgemeine Durchführung der Macryschen Forderung dem Publikum nicht lange verborgen bleiben. Welcher Ehemann würde dann noch seine von ihm mit Syphilis infizierte Frau einem Arzte zuführen, wenn er nicht auf dessen unbedingte Verschwiegenheit rechnen könnte? Die meisten derartigen Fälle würden unbehandelt bleiben oder Kurpfuschern in die Hände fallen. Dadurch würden die Kranken schweren gesundheitlichen Schaden nehmen, den ja Macry gerade vermieden wissen will.
doi:10.1055/s-0029-1201251 fatcat:iay2zkatdvhprgcdwd4doqhgma