Paradiesgarten, himmlische Stadt

Manfred Wildner
2017 Das Gesundheitswesen  
Editorial Die Gärten am Rande der persischen Steppe müssen geradezu verzaubert haben: "Paradies" wurden sie genannt, umgeben von in der Regel hohen Mauern boten sie Raum für Musik und Spiel, Essen und Trinken und wohl auch darüber hinaus die drittwichtigste Sache der Welt. Das griechische Wort paradeisos (Bedeutung: Tiergarten, Park) stammt ebenso wie das hebräische "pardes" von der altiranischen Bezeichnung "pairi-daeza" ab, welches für einen umgrenzten (Garten-)Bereich verwendet wurde. In der
more » ... jüdisch-christlichen Paradies-Tradition wurde der Apfel vom Baum der Erkenntnis dann auch mit Sexualität gleichgesetzt, deren Genuss paradoxerweise zum Verlust des Paradieses führte. Dies ist der hebräischen Nebenbedeutung von Erkennen, welche auch ein Ausdruck für die oben angeführte Drittwichtigste Sache der Welt ist, zuzuschreiben. Wir dürfen es getrost bei der wortgetreuen Wiedergabe des Apfelbaumes als "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse" belassen. Als Ursache des verlorenen Paradieses wäre, plausibler und dem Text näher ein menschheitsgeschichtlich erster Schritt in Richtung intellektuell-moralischer Unterscheidung und Bewertung. Den Verlust eines unschuldigen, gleichsam paradiesischen Nichtwissens beklagen bisweilen auch romantische Naturutopien. Hier liegt der Verdacht nahe, dass uns in die Vergangenheit projizierte menschliche Zukunftshoffnungen gegenübertreten. Wir tun gut daran, uns der Wurzel des Paradiesgartens zu erinnern: nämlich eines durch menschlichen Willen, menschliches Wissen und menschliche Anstrengung geschaffenen Kulturraumes in Abgrenzung zur oftmals große Härten mit sich bringenden "natürlichen" Umwelt. Doch trägt diese Abgrenzung von Natur und Kultur überhaupt? Ist nicht des Menschen Kultur seine Natur (Konrad Lorenz)? Sind wir Menschen nicht auf Kultur angewiesen, um nicht als "Mängelwesen" zu erscheinen (Arnold Gehlen)? Hier ließe sich auch noch Vieles aus der ökonomischen und soziologischen Literatur ergänzen. Vielleicht kann man in Bezug auf menschliche Kulturräume in diesem Sinne sogar von einer Natur 2.0 oder "Next Nature" sprechen (www.nextnature. net)? So plädiert z. B. das Next-Nature-Netzwerk für eine be-wusste Vernetzung von (natürlicher) Natur und vom Menschen geschaffener Kultur, welche eine Balance zwischen Biologie und Technologie im Dienst am Menschen hält. Für die menschliche Gesundheit scheint diese hoffnungsfrohe Deutung in mancher Hinsicht zuzutreffen: Gesundheit ist nicht so sehr ein natürliche Zustand als vielmehr auch und ganz wesentlich das Ergebnis menschlicher Anstrengung (Heinrich Schipperges). Die nur 50:50 Chance für neugeborene Kinder noch am Beginn des 20. Jahrhunderts, das Erwachsenenalter zu erreichen, spricht eine deutliche Sprache. Wie diese Anstrengungen aussehen? Sie reichen von den oft religiös inspirierten Barmherzigkeitsidealen, der politischen Einschränkung von Gewalt und Ausbeutung über die Verbesserung der körperlichen Ernährung und Hygiene bis zur Entfaltung der geistigen Potentiale der Menschheit. Diese Entfaltung reicht von der, von vergleichsweise liberalen Ideen unterstützten Gründung von Universitäten -erstmals wird für das Jahr 737 in Tunis eine islamische Universitätsgründung beschrieben -bis zu den Bemühungen um Aufklärung und Vernunft, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und in der Moderne zu den oft zitierten, Gesundheit und das Gesundheitswesen betreffenden, Erklärungen von Ottawa (1986), Tallin (2008) und zuletzt Wien (2016). Doch ist wirklich der Garten, oder modern übersetzt die Idylle des ländlichen Raums, der Ziel-Ort menschlicher Sehnsucht und die Quelle gelingenden Daseins? Begreift man den Paradiesgarten jüdisch-christlicher Prägung (Genesis Kap. 2 und 3) als menschlich geschaffenen Kulturraum, so überrascht nicht, dass er auf dem weiteren Menschheitsweg mit der Vision einer himmlischen Stadt (Offenbarung 21) ergänzt wurde. Städte als kulturelle Verdichtungsräume, als Orte der Begegnung und des Austauschs, der wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklungschancen -"Stadtluft macht frei", diese Assoziation ist bis heute gültig. Dass gleichzeitig auch diese Vorstellung von Stadt utopische Züge hat, zeigen die im 20./21. Jahrhundert weltweit entstehenden Metropolen und Mega-Cities: zivilisatorische Mischformen von baulichen Wüs-
doi:10.1055/s-0042-124516 pmid:28166596 fatcat:tw7yqtywprg5do2322evnhd67m