Vogler, J. (2019). Professionelle Entscheidungen im Sportunterricht. Eine empirische Untersuchung zum fachdidaktischen Wissen von Lehrpersonen. Springer

Flavio Serino
2020 Revue suisse des sciences de l'éducation / Schweizerische Zeitschrift fu?r Bildungswissenschafte  
This article is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License. Vogler, J. (2019). Professionelle Entscheidungen im Sportunterricht. Eine empirische Untersuchung zum fachdidaktischen Wissen von Lehrpersonen. Springer. 390 S. Im Rahmen eines Forschungsschwerpunktes der Professur für Sport und Sportdidaktik im Jugendalter der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) wird versucht das pedagogical content knowledge (PCK) -also fachdidaktisches
more » ... fachdidaktisches Wissen -angehender und berufstätiger Sportlehrpersonen näher zu konturieren. Die Dissertation von Jolanda Vogler ist im Rahmen dieses Kontextes zu lesen. Sie ist als Ergänzung zum Vorprojekt PCK 1.0 (Vogler, Messmer & Alleman, 2017) zu verstehen, welches unter anderem zum Ziel hatte, theoretisch-konzeptionell bedeutsame «Kriterien und Dimensionen von fachdidaktischem Wissen und Können» (S. 10) zu definieren und ebenso methodisch zu operationalisieren. Vogler interessiert sich in ihrem Projekt PCK 2.0 dafür, wie sich wesentliche Unterschiede im Antwortverhalten von Probandinnen und Probanden zur Einschätzung sogenannter critical incidents des Sportunterrichts darstellen. Das zentrale Anliegen der Arbeit besteht in der «situationsspezifischen Erfassung von Kompetenzen von Lehrpersonen im Fach Sport» (S. 106). Dazu werden Entscheidungen von Lehramtsstudierenden der Fachrichtung Bewegung und Sport der Zielstufen Sekundar I und II, sowie von berufstätigen Sportlehrpersonen zur Lösung kritischer Unterrichtssituationen in einem explorativ angelegten Forschungsdesign analysiert. Bereits im Beschrieb der Ausgangslage wird der (fach-)didaktische Bildungsdiskurs aufgegriffen und das PCK klassisch in Anlehnung an Shulman (1986; 1987) umrissen. So wird fachdidaktisches Wissen als Wissen verstanden, «welches für eine erfolgreiche Initiierung und Aufrechterhaltung von Lernprozessen notwendig ist» (S. 21). Die gemäss Vogler (S. 4) eher geringe Dichte an Arbeiten, die den Kompetenzbereich des PCK für die Sportdidaktik beleuchten, wird zum Anlass für das vorliegende Forschungsvorhaben genommen. Im Zentrum des zweiten Kapitels steht nochmals die Fokussierung des Forschungsdesiderats auf Erkenntnisse der Lehrer/innenbildungsforschung und den gegenwärtigen Kompetenzdiskurs. Dazu macht die Autorin unter anderem einen Exkurs in die Professionsforschung und leitet daraus vier wesentliche allgemein-pädagogische Merkmale für die Lehrer/-innenprofession ab, die sich als konstitutive Merkmale (S. 29) beim Unterrichten manifestieren. Dem Merkmal der Ungewissheit kommt bei kritischen Unterrichtssituationen, die im Zentrum ihrer Empirie stehen, eine besondere Bedeutung zu. Als solche definiert Vogler in Anlehnung an Neuweg (2004) Unterrichtsgeschehnisse, die für Lehrpersonen weder klar strukturiert, noch durch rezeptartige Lösungen adäquaten Handelns zu bewältigen und somit auch nicht vollends planbar sind (S. 65). Nebst Ausführungen zur Experten-und Novizenforschung bildet die theoretische Grundlagenarbeit zur Wissensgenerierung und -systematisierung einen weiteren Schwerpunkt dieses Kapitels. Ob dem an dieser Stelle aufgegriffenen Erfahrungswissen für den Umgang mit kritischen Unterrichtssituationen eine besondere Bedeutung zukommt, wird in den Raum gestellt und diskutiert (S. 89f.). Das Erfassen von fachdidaktischem Wissen (und Können), welches für Vogler eben stark durch situative und kontextuelle Rahmenbedingungen koloriert ist, kann gemäss der Autorin mit dem Einsatz von Fallvignetten methodisch optimal aufgearbeitet werden (S. 88). So werden die bereinigten Daten aus dem Vorprojekt PCK 1.0 -Antwortfiles von 113 Probandinnen und Probanden zu 15, respektive 16 Fallvignetten -mittels der Dokumentarischen Methode genauer analysiert. Die methodischen Verfahrensschritte dazu sind im vierten Kapitel ausführlich begründet und präzise präsentiert (vgl. S. 115-180). Die im dritten Kapitel aufgeführte übergeordnete Frage, die zu ergründen sucht, welche Entscheidungsmuster bei Sportlehrpersonen in kritischen Unterrichtssituationen zu identifizieren sind (S. 109), wird bei verschiedenen Kohortengruppen untersucht, die einen klassischen Experten-Novizen-Vergleich ermöglichen. Insgesamt lassen sich aus der Datenanalyse fünf Entscheidungsmuster von Sportlehrpersonen determinieren. Eine applizierte soziogenetische Analyse zeigt keine stringenten Abhängigkeiten dieser Entscheidungstypologien zum berufsbiographischen Status der Probandinnen und Probanden. Die Autorin deutet dies als Zeichen dafür, dass es grundsätzlich bei Lehrpersonenhandlungen nicht die eine adäquate Lösung zu geben scheint (S. 314). Vogler wagt die interpretative Behauptung, dass die fünf generierten Entscheidungsmuster für künftige Ausbildungscurricula von Sportstudierenden orientierenden Charakter haben sollten, damit die Performanz von Studierenden entwickelt und verbessert werden könne (S. 316). Diese Forderung unterliegt der Begründung, dass Entscheidungsmuster von Sportlehrpersonen einen zentralen Aspekt der Professionskompetenz einnähmen (S. 343). Ein Statement das zumindest gewagt erscheint, da das Design nicht darauf ausgelegt war relevante Kompetenzen von Sportlehrpersonen zu erforschen, sondern verschiedene Problemlösestrategien für kritische Situationen des Sportunterrichts zu erkennen. Insgesamt sticht die ausführliche theoretische Aufarbeitung zur pädagogischen Professionsforschung und die Darlegung des damit zusammenhängenden Kompetenzdiskurses hervor. Dass die wenigen konkreten sport-
doi:10.24452/sjer.42.3.22 fatcat:enotfuox2bhkppxs3tj67yo4aa