Aus der medicinischen Gesellschaft in Charkow

1891 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
den verschiedenen Ansichten, die bis jetzt über die Art und Weise der Wirkung und die heilende Kraft des Koch'schen Präparates ausgesprochen sind, wird sehr wenig Rücksicht auf die Thierexperimente genommen, die Koch als Ausgangspunkt gedient haben. In seiner Rede auf dem internationalen Congress am 3. August y. J. theilte er mit, dass er beim Suchen nach Mitteln für die Bekämpfung der Tuberculose zwei Methoden befolgte. Die nach der ersten Methode angestellten Beobachtungen lehren, dass sehr
more » ... ele Stoffe, unter denen ausserhalb des Organismus beim Laboratoriumsversuch das Cyangold am stärksten auf die Tuberkelbacillen wirkte, sich beim Thierversuch ganz unwirksam erwiesen. Dann griff er zu der anderen Methode -dem Versuchen verschiedener Mittel bei tuberculös inficirten Thieren. Das Resultat dieser mühsamen Forschungen war die Entdeckung der sogenannten Koch'schen Flüssigkeit -eines Mittels, mit dessen Hülfe er den tuberculösen Process bei Meerschweinchen in jedem Stadium der Entwicklung aufhalten konnte. Trotzdem entging Koch, wie man es von einem so erfahrenen und scharfsinnigen Experimentator erwarten konnte, nicht die Wahrnehmung, dass das Mittel zwar heilsam für Meerschweinchen, für den Menschen aber nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich sein könne. Aber diese Forschungen Koch's erweckten doch die Hoffnung, dass auch ein für den Menschen wirksames Mittel gefunden werden könne. Bald darauf begann bekanntlich Koch seine Experimente am Menschen, nachdem er an sich selbst festgestellt hatte, dass sein Mittel in bestimmten Dosen auch beim gesunden Menschen eine ziemlich starke, aber keine tödtliche Reaction hervorbringe. Wie sich später erwiesen hat, ist schon 1/250 Theil derjenigen Dose, die er sich injicirt hat, genügend, um bei einem tuberculösen Kranken eine deutliche Reaction hervorzurufen. Klar ist auch die Ursache, die Ko ch bestimmte, sein Mittel vor allem bei Lupus zu versuchen, bei dem man mit blossen Augen und durch Betasten die möglichen Veränderungen beobachten konnte. Alle bis jetzt gemachten Beobachtungen zeugen einstimmig dafür, dass Lupus, der doch auch eine tuberculöse Erkrankung ist, mit Koch's Mittel geheilt werden kann. Erwies sich die Heilung in manchen Fällen auch als nicht vollständig und zeigten sich Recidive, so können diese Fälle doch die Bedeutung des Koch'schen Mittels nicht discreditiren, da bekanutlich auch bei vielen anderen Krankheiten und anderen specifischen Heilmethoden Recidive vorkommen können; andererseits können ja solche Lupusrecidive leicht mit rechtzeitig wiederholten Einspritzungen desselben Präparates bekämpft werden. Was die Tuberculose der Knochen und Gelenke betrifft, so kann man natürlich an diesen Stellen nicht so schnelle Heilung, wie beim Lupus, erwarten ; aber auch die bis jetzt in dieser Richtung gemachten zahlreichen Beobachtungen sprechen eher für einen Nutzen des Präparates, als für eine schädliche Wirkung. Was endlich die Erkrankungen der Lungen anlangt, so wies Wisokowitsch darauf hin, dass man Schwindsucht und Tuberenlose nicht identificiren dürfe, obgleich erstere sich mit seltenen Ausnahmen immer aus der Tuberculose entwickelt. Die Schwindsucht nimmt gewöhnlich mit dem Erscheinen der Tuberkel in den Lungen, vorzüglich in den Spitzen ihren Anfang; aber die Schwindsucht -Phthisis -beginnt erst mit dem Momente, wenn ein Theil des Gewebes der Lunge bereits zerfallen und abgestossen ist, und wenn sich Cavemen gebildet haben, an deren weiterer Entwickelung ohne Zweifel viele fremdartige Bacterien betheiligt sind. So lange sich keine Cavemen gebildet haben, kann der tuberculöse Process zuweilen viele Jahre dauern, indem er in dein interstitiellen Gewebe abläuft und in Entwicklung von Tnberkeln und verhärtetem Gewebe besteht. Ein Theil der Tuberkel kann dabei auch verkäst werden, kann in glücklichen Fällen sich abkapseln oder verkalken oder von Zeit zu Zeit in die Bronchien perforiren, kann Veranlassung zu Hämoptoö etc. geben. Da bei der echten Schwindsucht die Veränderungen nicht rein tuberculöse sind, so ist es begreiflich, dass man in diesem Falle auf das Koch'sche Mittel nicht in derselben Weise zählen kann, wie bei der uncomplicirten Tuberculose, d. h. bei dem ersten oder Anfangsstadium der Krankheit. Wenn die Heilung einer Caverne unter den allergünstigsten Bedingungen viele Jahre braucht, so ist es zweifellos, dass auch hier Koch's Präparat insofern eine grosse Bedeutung haben wird, als es ungünstige Bedingungen für die Entwicklung der Tubemkel in der Nachbarschaft der Caverne schaffen kann. Wenn fremdartige Bacterien zu der Zerstörung des Gewebes bei der Schwindsucht beitragen, so geschieht dies natürlich nicht primär; die günstigen Bedingungen zu ihrer Entwicklung verdanken sie nur den Veränderungen, welche zunächst die Tuberkelbacillen hervorbringen. Wenn daher keine Tuberkeln mehr entstehen werden, so muss auch der Zerstörungsprocess aufgehalten werden. Doch hat die Frage der Behandlung mit dem Ko ch 'sehen Mittel nach der Meinung des Vortr. noch eine zweite Seite, die auf den ersten Blick ernste Befürchtungen, selbst mit Bezug auf die Anwendung des Mittels in den ersten Stadien der Schwindsucht erregen könnte. Bei der Beurtheilung derselben darf man die durch das Experiment gewonnenen Ergebnisse nicht ausser Betracht lassen. Wie verschieden der Organismus verschiedener Thiere sich auch verhält, wie gross der Unterschied zwischen dem Menschen und dem Meerschweinchen ist, die Gesetze der physiologischen Entwicklung und des Wachsens der verschiedenen entzündlichen Neubildungen gelten für die einen wie für die anderen. Konnte Koch beim Meerschweinchen in verschiedenen Stadien der experimentellen Tuberculose die Entwicklung Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1206374 fatcat:bxinsv3j55fmtls35wj7geedeu