Stand der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen

Jörg Caumanns
2019 Zeitschrift fur Evidenz, Fortbildung und Qualitat im Gesundheitswesen  
Im Mittelpunkt steht der Vorschlag, die politische Steuerung auszubauen und eine spezielle Governance-Struktur zu etablieren. Denn -das zeigt nicht nur die Theorie, sondern auch der Blick auf die Erfahrungen anderer Länder -erforderlich ist eine langfristige Strategie, die sich auf eine sachgerechte Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Stakeholdern und klare Vorgaben stützt. Die Expertise beinhaltet ferner ein Szenario, in dem die Akten Basis für umfassende
more » ... sind, auf denen digitale Innovationen für den jeweiligen Patienten und seine Gesundheitsanbieter gebündelt werden. In dieser Perspektive ist die Elektronische Patientenakte nicht nur Treiber für mehr Kooperation, sie ist auch ein wichtiges Werkzeug für souveräne Patienten. Wir hoffen, dass wir mit der Expertise die Diskussion um die Einführung von einrichtungsübergreifenden Patientenakten bereichern können und freuen uns auf den inhaltlichen Austausch zu den Vorschlägen. Vorwort Dr. Brigitte Mohn Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung Uwe Schwenk Programmdirektor Versorgung verbessern -Patienten informieren, Bertelsmann Stiftung EINE Akte mit Funktionalitäten für Patienten UND Leistungserbringer Auch wenn heute zwei wesentliche organisatorische nutzergruppenzentrierte Grundformen diskutiert werden -die Akte der Leitungserbringer oder die Akte des Patienten -und damit auch die Frage verknüpft wird "Wem gehört die Akte?", so sind solche Betrachtungen kontraproduktiv, denn sie führen zu weiteren Abschottungen des Patienten und seiner behandelnden Leistungserbringer, statt zu einem integrativen gemeinsamen Ansatz. Es ist daher unabdingbar, eine eEPA als gemeinsames Instrument aller Akteure unter Einbezug des Patienten und ggf. seiner Angehörigen anzusehen und die rechtlichen, organisatorischen, finanziellen und technischen Rahmenbedingungen entsprechend auszugestalten. Eine eEPA muss als integratives kooperatives Instrument für Patienten und ggf. ihre Angehörigen sowie ihre Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten etc. verstanden werden. Mit Blick auf die Verwendungsszenarien und den Nutzen für die einzelnen Akteure können für die versorgungs-Einrichtungsübergreifende Elektronische Patientenakten Verwendungszusammenhänge bekannt sind. Eine zu enge Zweckbestimmung scheint hier also kontraproduktiv zu sein. Auch muss überdies zwingend diskutiert werden, ob es nicht eine gesellschaftliche Verpflichtung gibt, den Einsatz auch für jene Patienten zu ermöglichen, die eine differenzierte Formulierung oder Auseinandersetzung mit Policies nicht wollen bzw. aufgrund ihrer Erkrankung auch nicht mehr können. Es ist kaum anzunehmen, dass Schwerkranke, multimorbide geriatrische Patienten, Demenzpatienten, Palliativpatienten etc. sich tatsächlich mit solchen Fragen der Wahrnehmung der informationellen Selbstbestimmung bezüglich ihrer eEPA noch auseinandersetzen wollen, sondern sich eben nur optimal versorgt wissen wollen -auch unter Einsatz moderner kollaborativer IT-Anwendungen, die ihre Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten etc. besser zusammenarbeiten lassen. Hier wäre es Aufgabe eines fürsorglichen Staates, entsprechende Rahmenbedingungen, z. B. durch die Formulierung von Standard-Policies für Best Practice, zu schaffen. Neue gesetzliche Regelungen für mehr Rechtssicherheit Letztendlich deuten viele Fragestellungen darauf hin, dass es hierfür -aber auch bezüglich weiterer Aspekte -neuer gesetzlicher Regelungen bedarf, um für alle Leistungserbringer, Softwareindustrie und Betreiber Rechtssicherheit zu schaffen. Für die eEPA gilt im Grundsatz das Gleiche wie für viele Produkte aus anderen Feldern -z. B. in den Bereichen Ernährung, Mobilität, Wohnen, Medizinprodukt etc. Dort kann und muss heute kein Verbraucher deren Sicherheit und Sachgerechtigkeit selbst überprüfen, sondern diese müssen definierte Vorgaben erfüllen, um in den Verkehr gebracht zu werden. Usability und Praktikabilität Neben den datenschutzbezogenen Aspekten und der Sicherheit für die Betroffenen, dass die Vertraulichkeit gewahrt bleibt, ist die Benutzbarkeit von eEPA-Systemen ein zweiter großer Faktor für Akzeptanz und Verbreitung. Sowohl Leistungserbringer als auch Patienten werden eEPA-Systeme nur dann akzeptieren, wenn diese übersichtlich, einfach und unaufwendig bedienbar sind. Dies ist auch für die Interoperabilitätsfunktionen der Primärsysteme zu berücksichtigen, denn für die Leistungserbringer wird es darum gehen, die Informationssynchro-nisation zwischen ihrem Primärsystem und dem eEPA-System so effizient wie möglich -z. B. mittels einfachen Knopfdrucks -durchführen zu können. Dies bedeutet auch, dass Primärsysteme bestimmte patientenbezogene Policies für die Informationssynchronisation abbilden können müssen. Für Patienten wird es wichtig sein, "ihr Fenster" zu ihrer eEPA so gestalten zu können, wie sie das gerne haben wollen, also eine gewisse Individualisierbarkeit der Softwareoberfläche, aber auch gewisser konkreter Funktionalitäten -z. B. zu aktiven Benachrichtigungen -möglich ist. Flächendeckende Implementierung braucht klaren Fahrplan eEPA-Systeme steigern die Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung und ermöglichen dem Patienten eine souveräne Rolle im Behandlungsgeschehen. Für eine flächendeckende Implementierung braucht es eine langfristige Strategie, eine effektive Governance-Struktur und verbindliche Standards. Abschließend lässt sich konstatieren: Die Implementierung einer nationalen eEPA-Infrastruktur ist ein hochkomplexer Prozess mit verschiedensten Handlungsfeldern und zu klärenden Fragestellungen auf unterschiedlichen Ebenen. In Kapitel 9 dieser Expertise werden konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet, die einen möglichen
doi:10.1016/j.zefq.2019.04.002 fatcat:p5p3ghy2tnd5zhgxwqakoamcma