"Ist die Kirche eigentlich ein Kirche?" Empirische Erforschung kulturbezogenen Lernens bei Lernenden des Deutschen als Fremdsprache

Eva Neustadt, Rebecca Zabel
2015 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht  
Der Beitrag widmet sich der Fragestellung, inwieweit kulturbezogene Lernprozesse bei Lernenden des Deutschen als Fremdsprache in der Auseinandersetzung mit einem Diskurs stattfinden, wobei Diskurs als inhaltlich-thematisch zusammenhängendes Netz von Texten begriffen wird. Als thematische Grundlage dient dabei der Diskurs über den Neubau der Leipziger Universität. Die kulturbezogenen Lernprozesse der Fremdsprachenlernenden werden mittels diskursiver Interviews, die gleichzeitig als 'Lernort'
more » ... en, erhoben und in einer qualitativen Fallstudie explorativ-interpretativ beschrieben. In einem zirkulären Erkenntnisprozess, der in der Auseinandersetzung mit den empirischen Daten und theoretischen Vorannahmen stattfindet, kommen wir zu Forschungsergebnissen, die eine erweiterte Gegenstandsbestimmung kulturbezogenen Lernens nahe legen. The article addresses the question of how culture-related learning takes place when learners of German as a foreign language study discourse, i.e. a network of texts linked by content and meaning. The thematic basis of this discourse is the discussion about the construction of the new University of Leipzig building. The culture-related learning processes of foreign language learners are described in an exploratory-descriptive manner in a qualitative case study by means of discursive interviews that serve as 'learning venues'. In a circular process of analysis, which takes place in the confrontation between the empirical data and the theoretical assumptions, we arrive at research results that suggest an expanded interpretation of culture-related learning. Schlagwörter: Deutsch als Fremdsprache, kulturelles Lernen, kulturbezogenes Lernen, Fremdsprachenlernen, Lernprozess, Diskurs, explorativ-interpretative Forschung, qualitative Forschung Eva Neustadt & Rebecca Zabel (2010), "Ist die Kirche eigentlich ein Kirche?" Empirische Erforschung kulturbezogenen Lernens bei Lernenden des Deutschen als Fremdsprache. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 15: 2, 61-80. Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-2/beitrag/NeustadtZabel.pdf. 62 beschrieben. Es fehlt an konkreten empirischen Forschungsarbeiten, die Aussagen darüber erlauben, ob diese theoretischen Annahmen datengestützt haltbar sind und die Theoriebildung vorantreiben. An diesem Punkt setzt unser Forschungsprojekt 2 an, das sich der Fragestellung widmet, inwieweit kulturbezogene Lernprozesse bei Lernenden des Deutschen als Fremdsprache in der Auseinandersetzung mit Texten bzw. Diskursfragmenten stattfinden. Als thematische Grundlage dient dabei der Diskurs über den Neubau der Leipziger Universität. Die kulturbezogenen Lernprozesse der Fremdsprachenlernenden werden in einer qualitativen Fallstudie explorativ-interpretativ beschrieben. Ausgehend vom theoretisch bestimmten Begriff des kulturbezogenen Lernens entwickelten wir ein Forschungsdesign, welches kulturbezogenes Lernen als Veränderung angewandter Deutungsmuster zu beschreiben im Stande sein sollte. Da während des Forschungsprozesses deutlich wird, dass innerhalb des Forschungsdesigns mit den verwendeten Verfahren zwar Deutungsmuster rekonstruier-und beschreibbar sind, aber weniger deren Veränderung nachweisbar ist, revidieren wir unsere Orientierung an einem normativen Begriff kulturbezogenen Lernens und verstärken unseren explorativen Blick auf die Daten. In einem zirkulären Erkenntnisprozess, der in der Auseinandersetzung mit den empirischen Daten und theoretischen Vorannahmen stattfindet, kommen wir zu Forschungsergebnissen, die eine erweiterte Gegenstandsbestimmung kulturbezogenen Lernens nahe legen. Begrifflich-heuristischer Rahmen Zum Begriff 'kulturbezogenes Lernen' Der von Altmayer geprägte Begriff des kulturbezogenen Lernens steht in engem Zusammenhang mit einer an der Praxis des Fremdsprachenunterrichts orientierten kulturwissenschaftlich transformierten Landeskunde, in der als übergeordnetes Lehrziel die Befähigung der Lerner "zur Partizipation an den in der fremden Sprache geführten Diskursen" (Altmayer 2006b: 54) postuliert wird. Diesso die theoretische Annahmekann gefördert werden durch die inszenierte Teilhabe an deutschsprachigen Diskursen bzw. Texten, durch die Lernprozesse angeregt und in Gang gesetzt werden (Altmayer 2006a: 196). Für die empirische Beschreibung kulturbezogenen Lernens orientierten wir uns zunächst an der Begriffsdefinition nach Altmayer. Kulturbezogenes Lernen wird hier als die bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Texten bzw. inhaltlich definierten Diskursen sich vollziehende Veränderung individueller Deutungsmuster bzw. kognitiver Schemata bestimmt, mit der die Entwicklung von Fähigkeiten einhergeht, diesen Texten bzw. Diskursen einen 'angemesseneren' Sinn zuschreiben zu können bzw. dazu Stellung beziehen zu können (Altmayer 2006a: 196). Eine erste Auswertung unserer Daten ergab jedoch, dass sich die Deutungsmuster der Untersuchungsteilnehmenden nicht ohne Weiteres durch die deutende Auseinandersetzung mit Texten bzw. Diskursen verändern (vgl. dazu Scharl & Altmayer in diesem Band, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen). Die Begriffsbestimmung kulturbezogenen Lernens stellte sich in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand als zu starr und normativ ausgerichtet dar, als dass damit das Potenzial der in unserer Studie erhobenen Daten hätte erfasst werden können: Zum einen wird in der Begriffsbestimmung kulturbezogenen Lernens zwischen 'diskursivtextuellen' kulturellen Deutungsmustern und 'mental-kognitiven' Deutungsmustern von Individuen (im Sinne von kognitiven Schemata bzw. Repräsentationen von Deutungsmustern) unterschieden, was für unsere Studie erhebliche Schwierigkeiten birgt und unseres Erachtens nicht notwendig ist. So wie Texte und Diskurse durch Akteure, die wiederum durch Diskurse geformt sind, produziert werden, so sind 'individuelle Deutungsmuster' nur auf der Ebene von Texten bzw. Diskursen rekonstruierbar. Zum anderen erscheint uns auch die theoretische Vorannahme des zu erwartenden Prozesses problematisch: Muster aktivieren, Muster reflektieren, Muster umstrukturieren. Eine solche normative, nicht-empirische Festlegung dessen, was kulturbezogenes Lernen ist, impliziert eine Defizithypothese, der zufolge Lernende einer Fremdsprache über bestimmte von Texten geforderte Muster nicht verfügen und daher Texten keinen angemessenen Sinn zuschreiben können. Dieser Annahme widersprechen die von uns erhobenen Daten. Die Untersuchungsteilnehmenden können Texte bzw. Diskursfragmente deuten -durchaus auch 'angemessen' -, ohne dass sich die Eva Neustadt & Rebecca Zabel (2010), "Ist die Kirche eigentlich ein Kirche?" Empirische Erforschung kulturbezogenen Lernens bei Lernenden des Deutschen als Fremdsprache. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 15: 2, 61-80. Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-2/beitrag/NeustadtZabel.pdf. 63 dabei angewendeten Deutungsmuster verändern. Hält man an der starren, rein theoretisch begründeten Definition des Gegenstandes fest, hat in unserer Untersuchung kulturbezogenes Lernen nicht stattgefunden. Aufgrund erster Auseinandersetzungen mit den Daten erweiterten wir unser Verständnis von kulturbezogenem Lernen in einem zwischen theoretischen Vorannahmen und Datenanalyse zirkelnden Prozess. 3 Heuristische Erweiterung des Begriffs 'kulturbezogenes Lernen' Die erweiterte Begriffsbestimmung kulturbezogenen Lernens resultiert aus der suchend-heuristischen Rezeption sozial-, kultur-und lerntheoretischer Ansätze sowie der detaillierten und umfassenden Beschreibung und Interpretation der erhobenen Daten. 2.2.
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