Gertrudis Gómez de Avellaneda oder die Liebe als Grenzerfahrung zwischen zwei Welten [chapter]

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Gertrudis Gómez de Avellaneda oder die Liebe als Grenzerfahrung zwischen zwei Welten Mit der in Kuba geborenen Gertrudis Gómez de Avellaneda nähern wir uns nun einer großen Schriftstellerin, um die sich noch immer in seltsamer Verbohrtheit zwei nationale Literaturgeschichtsschreibungen streiten. Denn ebenso die spanische wie die kubanische reklamieren diese Autorin vehement für sich und damit für eine je eigene Literaturgeschichte. Besonders hübsch und vorurteilsbeladen sind in diesem
more » ... in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Don Marcelino Menéndez y Pelayo, der die Avellaneda aufgrund ihrer Bildung und Ausbildung für eine Spanierin hält, die niemals die kubanische Literatur vertreten könnte. An derlei Argumentationen wird immer wieder deutlich, wie absurd die ganze Vorstellung von Nationalphilologien ist, die ihre Terrains immer wieder neu abstecken müssen, um sich von jeweils anderen Gefährdungen durch Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu distanzieren. Als ob Deutsche nur deutsche, Polen nur polnische, Franzosen nur französische, Italiener nur italienische oder Argentinier nur argentinische Nationalliteratur läsen! Mir erschienen derlei nationale oder nationalistische Einteilungen schon von jeher als suspekt. Doch zurück zu Gertrudis Gómez de Avellaneda! Lorenzo Cruz-Fuentes hat in seiner 1907 erschienenen Ausgabe der von ihm aufgespürten Autobiografía und ihrer Briefe an Cepeda, auf die wir gleich zurückkommen werden, betont, wie lächerlich und absurd der Standpunkt des damaligen kubanischen Vizepräsidenten Zayas sei, der davon sprach, dass Tula, wie man die in Kuba geborene Dichterin auch nannte, die spanische für die kubanische Literatur und von kubanischer Seite her erobert habe. All dies mag heute ein wenig wie Folklore erscheinen; Fakt aber ist, dass sich Gertrudis Gómez de Avellaneda bis heute entweder als Kubanerin oder als Spanierin durch die verschiedenen Literaturgeschichten treibt. Dass sie schlicht und ergreifend beides war und beides auch in ihrem literarischen Schaffen in unterschiedlichsten Kontexten zum Ausdruck kam, ist eine schlichte Tatsache, an die sich die Nationalphilologen auf beiden Seiten kaum gewöhnen mögen. Gewiss, die nationalphilologische Haltung ist durchaus aufgrund der Entwicklung der Disziplinen und nationalen wie nationalhistorischen Geschichtsschreibungen zu verstehen und nachzuvollziehen. Doch all dies weist auf die Absurdität derartiger Anschauungen und letztlich auch auf die Überkommenheit -oder zumindest doch Relativiertheit und Begrenztheit -derartiger Sichtweisen überdeutlich hin.
doi:10.1515/9783110665093-017 fatcat:zgqvygr3rza4jcs2iz7sxtjpnu