Expositionen des Obszönen: zum Umgang mit dem Nationalsozialismus in der visuellen Kultur [chapter]

Silke Wenk
Nationalsozialismus und Geschlecht  
Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus bedeutet für alle Überlebenden, zu denen selbst die Nachgeborenen gezählt werden können, »eine einzige Kränkung der Eigenständigkeit. Und zwar deshalb, weil wir ja keine Kontrolle [haben] über das, was schon passiert ist.« Deswegen haben wir »die Nostalgie erfunden, d. h. den Kitsch Erinnerung [...]«, schreibt Ruth Klüger über den »Missbrauch der Erinnerung: KZ-Kitsch«. 1 Zum »Kitsch der Erinnerung« gesellte sich nicht selten die
more » ... selten die Pornografi e, bestimmt von dem Wunsch, die »Kontrolle« wiederzugewinnen, Grenzen gegenüber dem zu ziehen, was geschehen ist. 2 Inwiefern dies auch für Bilder gilt, über die seit den späten 1960er Jahren die Geschichte des Nationalsozialismus repräsentiert wird, ist eine Frage, die den folgenden Text motivierte; eine weitere die, in welcher Weise uns diese Bilder der nun mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Verbrechen nicht nur als Repräsentationen des Vergangenen einholen, sondern sich womöglich auch immer wieder mit solchen von aktuellen Kriegen und Terror, denen wir in anderer Weise ausgesetzt sind, überlagern. Konstruktionen des Obszönen haben eine wichtige Funktion für die (Selbst-) Positionierung der Nachgeborenen gegenüber dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen wie auch deren Nachwirkungen im aktuellen Bildergedächtnis. Bei dem Begriff des ›Obszönen‹ geht es hier keineswegs nur um Sex oder Sexualität, sondern ebenso auch um Gewalt, kurz um das, was als unerträglich gilt, was jenseits der Grenze des Erträglichen und damit des allgemein Sichtbaren platziert wird und dennoch stets gesehen werden will. Was als ›obszön‹ gilt, ist bekanntlich keineswegs immer und überall gleich, sondern wird jeweils hergestellt, auch modifi ziert, dargelegt und ausgestellt, exponiert. Wenn ich von ›Exposition‹ spreche, meine ich hier nicht nur Ausstellung im kunstwissenschaftlichen Kontext, sondern spiele ebenso auf die literaturwissenschaftliche Bedeutung von Exposition an -als 1 | Ruth Klüger: Von hoher und niedriger Kultur, Göttingen: Wallstein 1996, S. 30 f. 2 | Ebd., S. 35 und 38. EXPOSITIONEN DES OBSZÖNEN | 71 Einführung des Zuschauers in eine zu erwartende Handlung in einem Drama. Über ›Expositionen des Obszönen‹ werden, so meine These, Grenzen markiert, jenseits derer die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus lokalisiert werden und gegenüber denen sich die Nachgeborenen zu positionieren suchen. Expositionen der Misogynie In der 1968 3 erstmals erschienenen und mehrfach wieder aufgelegten »Sittengeschichte des Zweiten Weltkrieges« fi ndet sich im sechsten Kapitel über »Das Geschäft der Vernichtung« eine ganzseitig reproduzierte Fotografi e, die den nationalsozialistischen Terror veranschaulichen soll (Abb. 1). Der Herausgeber der Publikation, die als Fortsetzung der von Magnus Hirschfeld verfassten »Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges« verstanden werden will und eine breite Öffentlichkeit ansprechen soll, sah sich, so heißt es im Vorwort, mit der Notwendigkeit konfrontiert, »im Bild so präzis zu sein, wie das irgend anging«. 4 Rechts, ganzseitig, sieht man am Galgen hängende Menschen, die meisten von ihnen lassen sich über ihre Kleidung als weiblich identifi zieren. Dieser Fotografi e der Erhängten ist auf der linken Seite halbseitig ein Foto mit der Bildunterschrift »Auspeitschung im 20. Jahrhun-3 | Ich danke Kathrin Hoffmann-Curtius und Sigrid Philipps für die unterstützende Recherche hinsichtlich der Erscheinungsdaten des ohne Jahresangabe gedruckten Werks. 4 | Karl Schustek (Hg.): Sittengeschichte des Zweiten Weltkrieges, Hanau: Schustek und Müller & Kiepenheuer o. J. (Neuaufl age 1981), o. S. Abb. 1: aus: Karl Schustek (Hg.): Sittengeschichte des Zweiten Weltkrieges, o. J.
doi:10.14361/9783839408544-002 fatcat:2fjurarerrferjy4t244qirmje