Räumlichkeiten und Umfriedungen am Lebensende [chapter]

2020 Sterbeorte  
Die Grundlage für das Gespräch mit Charlotte Uzarewicz bilden ihre Forschung und ihr Schreiben zur phänomenologischen Untersuchung der Gefühls-und Leibräumlichkeit, welches von der Perspektive der Pf legewissenschaften im Hinblick auf den versehrten Körper ausgeht. Charlotte Uzarewicz begreift Pf lege und Fürsorge als Gestaltungsaufgaben, welche die Schamgrenzen und die Individualität der Patienten ebenso wahren wie die Vielfalt deren kultureller und kollektiver Identitäten. Anliegen ihrer
more » ... Anliegen ihrer sämtlichen Untersuchungen ist es, aus dem Hintergrund theoretischen, phänomenologischen und leibphilosophischen Wissens Grundlagen für eine Kultur der Pf lege und des Pf legens abzuleiten. Die intensive Auseinandersetzung mit Sterben und Tod durchzieht das gesamte Werk von Charlotte Uzarewicz mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Vor dem Hintergrund phänomenologischer Wohntheorie beschreibt sie das Sterben als einen Prozess des Entwohnens. In Bezug auf die sich im Sterben verändernde Wahrnehmung und das sich wandelnde Verhältnis zwischen Sterbenden und ihren Angehörigen beschreibt sie in «Über die Räumlichkeit des Sterbens» 1 gefühls-, leib-und ortsräumliche Dimensionen des Sterbens. Die leibphänomenologische Auseinandersetzung mit Krankheit, Versehrtheit und Sterben eröffnet einen empathischen Blick auf Pf legebedürftigkeit und die Veränderung der eigenen Leiblichkeit in diesem Zustand. Mit den «Kopf kissenperspektiven» 2 vollzieht sie leibliche Bedürfnisse bettlägeriger Menschen nach, indem sie deren Situation ebenso vor dem theoretischen Hintergrund wie in Form eines sich darin Einfühlens und damit In-Resonanz-Tretens erörtert. Im Zentrum dieses Gespräches steht die Frage nach der Räumlichkeit des Sterbens in all ihren Facetten als leib-, gefühls-und ortsräumliches sowie als architektonisches, ästhetisches und gestalterisches Phänomen. Katharina Voigt | Bei meiner Arbeit bewegt mich die Frage: Welcher Architektur bedarf es, um dem Sterben sinnhaft Raum zu geben? Und weiter: Gibt es überhaupt eine Architektur, die das leisten kann, und was wäre das ideale Sterbezimmer? Anders gefragt: Wenn wir Architektur als den Kontext verstehen, in dem wir leben, dann hat sie das Potenzial Dinge in der Gesellschaft sichtbar zu machen und zu verankern. Wie könnte also eine Sichtbarkeit des Sterbens oder des Todes aussehen, die so funktioniert, dass sie zu einem Dialog und einer Auseinandersetzung zu dem Thema anregt? In meiner Auseinandersetzung mit diesen Fragen bin ich sehr schnell auf die Diskrepanz gestoßen, die es zwischen den geforderten Raumprogrammen in der Pf lege und den ideell formulierbaren Anforderungen an diese Architekturen gibt -über diese Diskrepanz möchte ich gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen. Charlotte Uzarewicz | Die Architektur empfinde ich in diesem Zusammenhang als eine ganz wichtige Disziplin, die genau an diesen Schnittstellen anknüpft. Es ist leider nicht meine Disziplin -wenn ich noch einmal zur Welt komme, studiere ich Sprachgeschichte und Architektur, weil man daran so deutlich sieht, wie sich die Strukturen des Daseins verfestigen. Das finde ich an der Architektur so interessant. Ich komme von der Soziologie und der Ethnologie her, bin ausgebildete Krankenschwester und habe selbst viele Jahre im Krankenhaus gearbeitet. Das war Mitte der 1970er-bis Anfang der 1980er-Jahre, zu einer Zeit, als in den Krankenhäusern zumeist ohne jede Begleitung gestorben wurde. Ich habe noch gelernt, dass man die Sterbenden in den Waschraum schiebt, damit sie die Lebenden nicht stören. Solche Erfahrungen haben mich geprägt. Offensichtlich hat auch mich das Thema immer wieder beschäftigt; sonst wäre ich mit meinen leibphänomenologischen und raumphilosophischen Ideen nicht kontinuierlich zu diesen Erfahrungen zurückgekehrt. In der Zeit, als ich Menschen beim Sterben begleitet und beobachtet habe, war meine Erkenntnis, dass jeder Mensch so individuell stirbt, wie sie oder er gelebt hat. Das sind ganz eigene Prozesse. Ich denke, so wie ein Mensch sich im Leben einrichtet, so wie er wohnt, wie er seine Gewohnheiten ausbildet, so stirbt er auch. Das war für mich der Hintergrund, mich dem Thema des Sterbens über die Wohntheorien anzunähern. Mittlerweile gibt es viele Studien über dieses Wohnen und die Frage: Was brauchen die Menschen, wenn sie sterben? Im Kern sind es Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung. Dazu wird aktuell sehr viel geforscht, im klassisch empirischen Sinne ebenso wie in philosophischen Betrachtungsweisen. Außerdem gibt es dazu mittlerweile zahlreiche Modellprojekte, insbesondere in Nordeuropa. Wenn ich solche Modellprojekte sehe, habe ich persönlich allerdings häufig meine Zweifel, ob ich mich in diesen Räumen wohlfühlen würde, wenn ich wüsste, dass mein Leben zu Ende geht. KV | Ja, ich teile diesen Vorbehalt. Bei Ihrer Beschreibung erscheint mir besonders interessant, dass Sie das Wohnen in den philosophischen Hintergrund des In-der-Welt-Seins und des sich In-der-Welt-Einrichtens einbetten -und es damit dem zutiefst phänomenologischen Ansatz des In-der-Welt-Seins und des sich aktiv über die eigene Leiblichkeit In-der-Welt-Verankerns folgt. Eine Sicht auf das Wohnen also, die es zu einem aktiven Prozess der Auseinandersetzung, einem Gestaltungsprozess macht und damit -wenn man diese Sichtweise bis in den Tod verfolgt -auch das Sterben zu einem individuellen Gestaltungsprozess oder einer Gestaltungsaufgabe für jeden einzelnen macht. Aus meiner Sicht widerspricht das dem üblichen Vorgehen, dass
doi:10.14361/9783839449837-050 fatcat:lqpsiznekrfshil2xvuq6zn4hm