Die Guten gehn im gleichen Schritt … [chapter]

Branka Wehowski
2020 Die Schwarze Botin  
Die Guten gehn im gleichen Schritt ... »die guten gehn im gleichen schritt. ohne von ihnen zu wissen tanzen die anderen um sie die tänze der zeit« (kafka) Die Heilslehre des geblendeten Eros ist von sich selber zu heilen, denn eine Hochzeit zwischen Eros und Intellekt fand nie statt. Bei Gelegenheit des platonischen »Gastmahls«, einer zechend-philosophierenden Herrengesellschaft, der Essen, Trinken und päderastischer Beischlaf einunddasselbe sind, solange sie dem plänkelnden Scheinlob des Eros
more » ... iene(r)n, erzählt der Lysistrata-Dichter Aristophanes einen androgynen Schöpfungsmythos über die »ursprüngliche« und späterhin katastrophal zerspaltene »Natur des Menschen«, (Anm.: das Wort »androgyn« inkriminiert bereits jede Form der Geschlechterspannung, es ist ein Beispiel für die Gewalt von Bezeichnungen. ANER, ANDROS = der Mann, GYNAE = die Frau. Wortgeschichtlich ist das Stammwort GEN (GAIA) = der Ursprung, nachgewiesen. GYNAE bedeutete demnach auch: die Hervorbringende, die Gebärerin als geschichtlich Ältere, den Mann Erzeugende 1 . Die sprachmorphologische Gleichschaltung der Geschlechter im Wort Androgyn = Mannweib leuchtet mir soweit ein, wie sie den Schein einer Versöhnung vortäuscht, der auf Erpressung beruht: A priori billigt sie den Frauen autoritär die Macht zu, Männer immer wieder zu kopieren.) Der Witz des aristophanischen Mythos besteht darin, aus dem universalisierten Kleidertausch der Geschlechter das Rechtskartell homosexueller Philosophenliebe zu evozieren, die auf ihre Schamteile nicht mehr zu blicken wagt. Über die zerreißende Gewalt abstrakter Negation erklärt der Mythos sowohl Weiblichkeit zum inneren Feind, wie er sein Heil in der Kraft des Ganzen sucht. Das in ihm entfaltete maskuline Homosexualitätsprogramm drängt weibliche Sexualität als verdächtig und zweideutig in den Hintergrund und wird verbindlich für die geblendete anthropologische Metaphysik, deren Opferstätten um die Erhaltung beschädigter Männlichkeit flehen; der heiligen Ironie eines jeden männerbündischen Gemeinwesens.
doi:10.5771/9783835345331-163 fatcat:3umiuxbywfgxpi7lbek52sjjyq