Die Trachombehandlung mittelst der Knapp'schen Rollzange

J. Hoppe
1903 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die mechanisch-operative Behandlung des Trachoms (Körnerkrankheit) ist allgemein als die wirksamste anerkannt. Nichts natürlicher, als der Wunsch, dieses Verfahren auch da anzuwenden, wo zur Bekämpfung des hartnäckigen Augenleidens wegen seiner ausserordentlichen Verbreitung die Hülfe eines jeden praktischen Arztes willkommen geheissen werden muss. In ') E. Neisser, Ein weiterer Beitrag zur Kenntnissnahme vom chronischen Rachendiphtheroid. Deutsche medizinische Wochensehrift 1902, No. 40. 2) C
more » ... 1902, No. 40. 2) C uno, Verlauf und Ursache einer Hospitaldiphtherieepidemie. Deutsche medizinische Wochenschrift 1902, No. 43. seiner Hand empfiehlt sich besonders das Verfahren der Ausquetschung der Trachomfollikel mittelst der Knapp'schen Rollzange, d. i. einer kräftigen Pinzette, welche an ihren steigbügelartig gestalteten Enden an Stelle der Platte eine geriefte rollende Walze trägt. Schneller Behandlungserfolg, leicht erlernbare Technik, Ungefährlichkeit und Möglichkeit der Anwendung ohne allgemeine Narkose, ohne Assistenz, selbst bei ambulanter Behandlung das sind bestrickende Vorzüge der Methode, welche ihr schnell zu grosser Verbreitung verholfen haben. Nicht selten aber bekommt man aus dem Munde praktischer Aerzte die, Klage zu hören, die Methode leiste doch nicht, was sie versprochen habe, allzuoft stellten sieh Rezidive ein, und selbst auf gelegentliche Schädigung des Kranken wird beschuldigend hingewiesen. Erst recht sind Laien nicht immer von dem Dauererfolge der ihnen so hoch gepriesenen Operation erbaut. Gegenüber einer drohenden Diskreditirung scheint es mir ebenso geboten wie lohnend, eine Skizze der Ziele, Grenzen und Wege bei Rollzangenbehandlung des Trachoms gerade vor einem Leserkreise praktischer Aerzte zu entwerfen. Zunächst muss kräftig betont werden : Die Rolizange will nicht die, sondern nur eine, freilich sehr wirksame Waffe in der Trachombehandlung sein. Sie kann und will kein Allheilmittel sein, ja nicht einmal in allen Fällen oder in allen Stadien der Krankheit zur Anwendung kommen. Zur rechten Zeit am rechten Ort in richtiger Weise gebraucht, hilft sie stets die B ehandlungsdauer bedeutend abkürzen. Das Verfahren verlangt zwar keine ungewöhnlichen, aber doch ein bescheidenes Maass von Kunstfertigkeit, welches bei jedem Arzt vorausgesetzt werden darf. Es verlangt mehr Sorgfait als Kunstfertigkeit, und erstere kann einen geringeren Grad der letzteren fast immer ersetzen; nicht dass, sondern wie die Rolizange gehandhabt wird, bedingt den Erfolg. Auch hier macht erst die Uebung den Meister, und Erstlingsarbeiten sollte man nicht zum Prüfstein der Leistungsfähigkeit der Methode überhaupt machen. Der Akt der Operation ist schnell erledigt, aber damit ist nicht die Behandlung des Falles beendet. Die Nachbehandlung ist ein gleichwerthiger und unerlässlicher Theil der Therapie und verlangt um so höhere Sorgfalt, je weniger vollkommen das Operationsergebniss war. Nachträgliche Entfernung einzelner Follikel ist selten zu vermeiden, und des arzneilichen Apparates kann nicht entrathen werden. Diese Bemerkungen müssten selbstverständlich sein und sollten nicht erwähnt zu werden brauchen -dass sie mit Nachdruck hervor u heben sind, hat die Erfahrung gelehrt. Man muss nothwendig eine Enttäuschung erleben, wenn man die Heilkraft einer Behandlungsmethode überschätzt, wenn man von ihr verlangt, was sie weder leisten will noch kann und zu leisten verspricht. Billigerweise sollte man sie nicht für Misserfolge verantwortlich machen, an denen andere Faktoren Schuld tragen. Das sind am häufigsten: Mangelhafte Auswahl der Fälle, falsche Beurtheilung des Operationserfolges, Anwendung mangelhafter Instrumente und Mängel des Operationsverfahren s. Garnicht am Platze ist die Rollzange bei akutem Trachom, bei starker Absonderung und schweren Hornhautcomplikationen, bei denen ein grober Insult durch die Zange oder die Ektropionirung der Lider gefährlich wurde. Bei der Auswahl der übrigen Fälle vergegenwärtige man sich, dass die Rollzange ihren idealen Angriffspunkt im Trachomfollikel sieht und demgemäss ihren Erfolg erwartet, solange und wo sich ausdrüekbare Follikel in der trachomatösen Bindehaut vorfinden. Sind sie durch andere therapeutische Eingriffe oder im dritten Krankheitsstadium durch Vernarbung beseitigt, so bleibt der Rollzange nichts wesentliches mehr zu thun. Tritt im klinischen Bilde die Follikelbildung hinter der Schwellung des Papillarkörpers und der diffusen zelligen Infiltration des adenoiden Gewebes derConjunktiva erheblich zurück (sogenanntes papilläres Trachom), so vermindert sich entsprechend der sichtbare Erfolg einer Ausrollung. Wo nun gar die Follikel ausserhalb des Machtbereiches der Rollzange bleiben, sei es, dass sie abseits gelegen, nicht berührt wurden, oder wegen ihrer verhältnissmässig tiefen Lage im Gewebe, wegen jugendlicher Kleinheit und Elastizität sich mehr oder weniger dem Zangendruck entzogen, da ist radikaler Erfolg einer ersten und einzigen Ausrollung ganz ausgeschlossen. Denn eine Fernwir-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1138688 fatcat:nwxbjawefvebhoob5xaa2g6asa