Die Ansteckungsgefahr der Schwimmbassins1)

Max Maschke
1900 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die bekannten Vorgänge in einem Schwimmbade der Pallisadenstrasse und kurz darauf in der städtischen Volksbadeanstalt an der Schillingsbrücke, welche in dem einen Falle sicher, im anderen mit hoher Wahrscheinlichkeit2) auf den ätiologischen Zusammenhang einer Reihe von infectiösen Augenbindehautentzündungen mit den betreffenden Schwimmbädern hinweisen, haben die Frage nahe gelegt, ob die I) Aus einem am 14. Mai im ärztlichen Standesverein der Luisenstadt gehaltenen Vortrage. 2) Dass die
more » ... ng nur Mitglieder von Schwimmvereinen betraf, während von den vielen tausenden der sonst dort Badenden nichts, auch nachträglich nicht, bekannt geworden ist, lässt vermuthen, dass forcirtes Tauchen , häufigeres Oeffnen der Augen unter Wasser und die dadurch bedingte längere Berührung mit dem Badewasser, besonders die leichtere Berührung, in die Mitglieder von Schwimmclubs überhaupt zu einander treten (gemeinsame Benutzung von Handtüchern) die IJebertragung wenigstens erleichtert hat. DEUTSCHE MEDICINISCHE WOCHENSCrRTFT. 363 Austeckungsmöglichkeiten der Schwimmbassins so zu bewerthen sind, dass sie eine Gefahr für das badende Publikum bilden, ob diese Gefahr durch kein Mittel der Hygiene hintanzuhalten ist, und ob die Schwimmbassins durch Fluss-, respective Brausebäder ersetzt werden müssen, beziehungsweise voliwerthig ersetzt werden können. Um die letzte Frage vorwegzunehmen, so sind Schwimmbäder in offenen Flussläufen an sich das Ideale, haben den Vortheil des ständig strömenden Wassers, des besseren Luftverkehrs und der besseren Belichtung; bedenklich aber ist, dass das Wasser der Spree (und das gleiche gilt für ähnlich gelegene Orte) durch die Abwässer der Fabriken, Chemikalien, sogar Fäkalien und andere Unreinigkeiten als erheblich verseucht zu betrachten ist, dass die Flussbäder in ihrer Temperatur nicht zu reguliren, im Winter nicht zu benutzen sind und schliesslich, wenigstens vielfach hier in Berlin, einen nicht immer erfreulichen Eindruck in Bezug auf Sauberkeit und Luftreinheit machen. Ausserdem werden aber auch die Flussbäder, je mehr der Fluss für den Verkehr nutzbar gemacht werden muss, von polizeilicher Seite immer mehr zurückgedrängt und in ihrer Grösse und Ausbreitung beschränkt. Brausebäder sind, was Bequemlichkeit der Benutzung, Wohifeilheit der Anlage und besonders Durchführbarkeit peinlichster Hygiene anlangt, zur Reinigung und Abhärtung des Körpers nicht nur völlig ausreichend , sondern vielleicht sogar das überhaupt geeignetste. Sie können aber nicht die physiologische Wirkung, die gesundheitliche Bedeutung kalter Schwimmbäder für sich geltend machen und wären als Ersatz, wenn auch nie voliwerthiger Ersatz von Schwimmbädern, nur heranzuziehen, wenn eben Schwimmbäder ohne Gefahren nicht zu haben würen. Was nun die Schwimmbassins selbst betrifft, so sind dieselben, das städtische Volksbad an der Schillingsbrücke, wie die privaten Anstalten, soweit ich sie besichtigen konnte, hell, luftig und sauber gehalten. Der Badende ist gezwungen, bevor er ins Schwimmbad steigt, SiCh an der Brause am ganzen Körper gehörig abzuseifen, eine Vorschrift, die in der städtischen Anstalt streng durchgeführt, in einigen privaten lässiger behandelt, respective auf die Abseifung der Füsse beschränkt wird. Personen mit Hauterkrankungen werden nicht zugelassen; am Rande der Bassins befinden sich Speirinnen, respective Spucknäpfe, in die zu speien ist. Das Bassinwasser wird an der Schillingsbrücke jetzt täglich (früher drei-bis viermal wöchentlich) abgelassen und neu gefüllt, in den privaten je nach Benutzung mehr oder weniger oft in der Woche, im allgemeinen, dem Aussehen des Wassers nach zu schliessen, genügend oft. Ausserdem fliesst meist ständig Wasser von oben her zu und ab , letzteres allerdings fast stets (mit e i n e r Ausnahme in einer Privatanstait) oben, statt unten. Das Wasser ist meist Grundwasser, hier und da mit Zusatz von etwas Leitungswasser, bei einigen nur Leitungswasser. Alle diese Maassnahmen und Vorschriften, noch so streng durchgeführt, können nicht verhindern, dass von der Haut, den Augen etc. der Badenden ansteckende Keime ins Wasser gelangen, dass nicht besonders culturell Beanlagte ins Wasser uriniren, dass trotz Speirinnen ins Wasser gespuckt wird. Man denke, dass jemand Wasser geschluckt hat; selten wohl wird der Betreffende erst zu den Speirinnen schwimmen, sondern wird vielmehr direkt an Ort und Stelle das verschluckte «as5er ausspeien und mit dem Wasser die Bestandtheile seines Mundes. Wenn demnach auch bisher in der Litteratur wenig oder nichts von derartigen Infectionen die Rede war, die hier vorgekommenen Erkrankungen auch vielleicht mehr aufgebauscht wurden, als unbedingt riöthig war, auch die Gefahren, die dem Badenden im Bassinbade drohen, kaum grösser wohl zu erachten sind als die, welche uns täglich in der llarbierstube oder gar beim Glase Bier erwarten, so sind es doch immerhin Gefahren, sicher constatirte Infectionen, die vermieden werden müssen. Wie das zu geschehen hat, ist theoretisch nicht zu beantworten; allein die weitere Beobachtung und Erfahrung kann da geniigenden Anhalt geben. Von den bacteriologischen Untersuchungen des Badewassers, die zur Zeit durch Professor A. Baginsky und dem städtischen Hydrologen Pie fk e für das Schillingsbrückenbad statthaben, dürfte nennenswerthes schwerlich zu erwarten sein, nicht nur weil sie so lange Zeit nach den Infectionen angestellt werden, sondern mehr desshalb, weil bisher nach dem Urtheil der berufensten Hygienologen und Bacteriologen (Flügge, Kruse, Günther etc.) die bacteriologische Wasseranalyse zuverlässige Schlüsse bezüglich der gesundheitlichen Zulässigkeit eines Wassers im allgemeinen noch nicht gestattet. Wir müssen daher vorläufig unser Tjrtheil dahin zusammenfassen, dass die Schwimmbassins für die Bevölkerung grosser Städte wie Berlin als eine wichtige hygienische Einrichtung zu betrachten und durch Fluss-oder Brausebäder nicht voliwerthig zu ersetzen sind; dass sie aber strenger sanitätspolizeilicher Controlle zu unterstellen sind in Bezug auf Anlage, Reinigung, Lüftung, Licht, Beschaffenheit des Badewassers, Häufigkeit der Erneuerung im Verhältniss zur Zahl der Badenden, steten Zu-und Abfluss. Es wird weiterer praktischer Erfahrung und sorgsarner Beobachtung bedürfen, um zu entscheiden, ob und wie die Schwimmbäder gefahrlos für die Badenden zu gestalten sind. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1203862 fatcat:6wmlaz4wzzeulmyhnbdf6p3roa