1. EINLEITUNG [chapter]

1960 Gesellschaft und bildende Kunst  
i. EINLEITUNG I In wissenschaftlichen wie essayistischen Schriften und im Gespräch wird oft die Vermehrung »kunstsoziologischer« Untersuchungen gefordert. Es gibt auch Publikationen, die diesem Wunsche nachkommen und dabei Thesen von allgemeinerem Anspruch aufstellen. Bei diesen Bemühungen handelt es sich im Grunde um die Wiederherstellung und erneute Erörterung eines alten Problems. Es werden die Mittel der Sozial-und Kulturwissenschaften unseres Saeculums angewendet, aber die Fragestellung
more » ... ie Fragestellung -in der die Antwort ja schon steckt -ist älter. Es ist eine Frage, die nicht immer aus »verwundertem Staunen« entspringt. Denn manchmal handelt es sich nur um eine interrogativ ausgedrückte Meinung-nämlich die, das Rätsel der Kunst sei dann rational erklärt, wenn es soziologisch erklärt sei. Das Thema »Kunst und Gesellschaft« ist nicht nur erstrangiges literarisches Thema und Politikum, das man im Stil einer Germaine de Stael abhandeln kann, sondern der Gegenstand eines Rousseau, Ruslcin oder Tolstoi -der echten wie der falschen Propheten unseres Äons. Es gab und gibt dazu eine wahre Unsumme von räsonnierenden oder direkt programmatischen Äußerungen. Heute wird das Wort Kunstsoziologie mit neuer Emphase gebraucht, es scheint etwas wie einen Imperativsatz zu implizieren, eine Forderung an die Wissenschaft. Wenn auch nicht sogleich klar wird, aus welchem Hintergrund diese Forderung kommt, so muß man doch versuchen, sie zu erfüllen. Denn letztlich müssen wir die Probleme behandeln oder auflösen, die uns »zugeworfen« werden -unbeantwortet sind sie eine Quelle der Beunruhigung. II Das Problem wird seit langer Zeit und auf sehr verschiedene Weise gestellt. Nicht nur die Meinungen über Kunst sind verschieden, auch das Wissen von Kunst ist auseinandergefallen, in zwei Hauptgruppen von Diszi-I Rassem
doi:10.1515/9783111645551-002 fatcat:ed4txvdutbbwhgf5q7h5ifdpmm