Das Zauberwort heisst Delegation

2013 PrimaryCare  
Auf solch ein Plädoyer für die Einzelpraxis habe ich als ehemaliger internistischer Hausarzt (1977 bis 2010) schon lange gewartet. Pierre Loeb spricht mir aus dem Herzen und ich möchte seinen Artikel wie folgt kommentieren und ergänzen: Niemand nimmt dir die hausärztliche Verantwortung für die einzelne Patientin ab. Diese Verantwortung ist unteilbar und kein Te am der Welt wird das ändern können! Gruppenpraxen bringen nicht nur Nutzen, sondern auch die Gefahren der Te am-oder Gruppenarbeit, wie
more » ... sie Anja Feierabend nennt (Neue Zürcher Zeitung; 14.08.2010; Ausgabe Nr. 187; Seite 67): In der Gruppe werden riskantere Entscheide getroffen wegen der «Verantwortungsdiffusion» (der scheinbaren Verteilung der Verantwortung), oder wegen «Gruppendrucks» (der Anpassung an die vorherrschende Gruppenmeinung). Es ergeben sich Leistungseinbussen aus verschiedenen Gründen. Die nötigen Rapporte bringen Energie-und Zeitverlust und die Fehleranfälligkeit steigt. Weiter, schreibt sie, «erklären sich Forscher die heutige Te ndenz, die Nachteile der Te amarbeit weniger zu beachten oder zu vernachlässigen, mit dem psychologischen Nutzen, den Menschen aus der Arbeit in der Gruppe ziehen und diese deshalb positiv wahrnehmen. Te amarbeit verringert Unsicherheit in der Arbeit, macht häufig Spass und trägt zum Wohlbefinden bei. Man sollte sich dieser romantisierten Wahrnehmung von Te amarbeit bewusst sein, sich auch die negativen Konsequenzen vor Augen führen und Te amarbeit mit Bedacht einsetzen». Das für mich p lausibelste Argument für die Gruppe ist die Möglichkeit einer Te ilzeitarbeit für Kolleginnen mit Kindern. Sinnvoll ist auch die Präsenz des Konsiliarius mit seiner Untersuchung in der Praxis, wo das Gespräch zuerst mit dem Hausarzt, dann mit dem Patienten möglich ist. Ein Hausarzt in der Einzelpraxis ist nicht allein. Jeder «Einzelkämpfer» bildet sich ein persönliches Netz von teils befreundeten Praxisvertretungskollegen sowie Fachkolleginnen und -kollegen als Konsiliarii erster Wahl, die er auch aus der Sprechstunde direkt um ihren Rat oder ihre Meinung anrufen kann. Dazu gehören auch Physiotherapiepraxen, Spitex, Ernährungsberatung, stationäre Institutionen, usw. Wer sich sporadisch allein fühlt, findet in einer Balint-Gruppe besonders guten Support, sie ist für schwierige Beziehungen ein unglaublich gutes und effizientes Instrument. Qualitätszirkel sind eine weitere hilfreiche Möglichkeit, seine eigene Arbeit zu überprüfen und Neues zu lernen. Gesundheitspolitisch können wir uns für periphere Gebiete eine Grundversorgung ohne Einzelpraxen gar nicht leisten. Es ist meines Erachtens Vogel-Strauss-Politik, all die neuen Formen von Gruppenpraxen und Mini-Gesundheitszentren «über den grünen Klee» zu loben und sie als dem «Auslaufmodell Einzelpraxis» überlegen zu klassieren. Die hausärztliche Arbeit in der Einzelpraxis ist zugegebenermassen anspruchsvoll und anstrengend, aber auch unglaublich schön und dankbar. Gerade für alte, polymorbide und chronisch kranke Menschen dürfte die Konstanz der hausärztlichen Betreuung durch eine Person, verglichen mit einer Gruppe, angenehmer, effizienter und kostengünstiger sein. Durch persönliche Strukturierung von Praxiszeit und privater Agenda habe ich mir ein stimmiges Umfeld geschaffen, z.B. den freien Mittwochnachmittag wegen der Kinder. Im Freundeszirkel, unserem Chränzli, haben wir jeden zweiten Dienstag zusammen das Mittagessen genossen und einmal im Jahr für 4 bis 7 Ta ge eine gemeinsame Auszeit genommen, unsere «Klausur», mit Lesen, Diskutieren, Kochen, Billardspielen, Joggen oder was immer sich angeboten und uns Freude gemacht hat. Und so habe ich persönlich nie Gesundheitsprobleme infolge meiner Hausarzttätigkeit oder gar ein Burnout erlebt. Ich kann und möchte allen jungen Kolleginnen und Kollegen den Hausarztberuf warm empfehlen, unbesehen, ob allein und unabhängig oder in eine Gruppe eingebunden.
doi:10.4414/pc-d.2013.00401 fatcat:yso5aspmrreivf2uvpnkqvkyce