Zwischen Pop Art und Brutalismus. Der Architektur 1960er und 1970er Jahre geht es weiter an den Kragen-Eine Polemik

Andreas Barz
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Was für ein spannender Kontrast eröffnet sich dem Betrachter, betritt er nach einer Fahrt durch den Berliner Untergrund den Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf. Lässt er seinen Blick über den Platz schweifen, fällt sogleich ein kleines Gebäude im Stil der Pop Art auf, deren großer Protagonist Ludwig Leo war. Den Bahnhofsbau auf dem Fehrbelliner Platz hat der Architekt der dritten großen U-Bahn-Epoche und Scharoun-Schüler Rainer G. Rümmler 1972 errichtet. Im ersten Moment irritiert das mit
more » ... ert das mit knalligen roten Fliesen verkleidete amorphe Eingangsgebäude auf der weiten Platzfläche, die an den drei Kreissegmenten der südlichen Platzhälfte mit Verwaltungsbauten der dreißiger Jahre umbaut ist und deren düstere Fassaden ähnlich denen am Münchner Königsplatz oder am Donau-Ufer in Wroclaw von einem totalen Gestaltungswillen zeugen, der nach Intention seiner Erbauer noch in tausend Jahren beeindrucken sollte. An regnerischen Novembertagen wirken diese Bauten und dieses Platzensemble so deprimierend, dass man eilig dem roten verspielten Bahnhofsbau zustrebt, der dann fast wie ein Glücksversprechen von einer neuen, fröhlichen und ausgelassenen Zeit kündet. Rümmler ist mit diesem kleinen Bauwerk ein großer Coup gelungen, schafft er es doch mit dieser architektonischen Geste, den Geist eines Städtebaus zu ironisieren, ohne die Bauten selbst zu verstellen oder in ihrem authentischen Erscheinungsbild zu verändern. Einen ähnlichen positiven Kontrast bildet das Verwaltungsgebäude der Deutschen Rentenversicherung. Die 23-geschossige frühere Bundesversicherungsanstalt für Angestellte der Architekten Schäfers und Löffler am benachbarten Hohenzollerndamm mit der futuristischen Aluminiumfassade ist weithin sichtbar. Das 1973-1977 errichtete Gebäude gehört neben dem Internationalen Congress Centrum (ICC), der Schlossstraßenüberbauung Bierpinsel (beides Werke des kürzlich verstorbenen Ralf Schüler) und dem Evangelischen Konsistorium im Berliner Hansaviertel zu den bemerkenswertesten Bauwerken dieser Epoche in Berlin. Obgleich sich die Welt der Pop Art und die Farbpaletten der 1960er und 70er Jahre inzwischen in vielen Design-und Marketingprodukten und nach den Swinging-Fifties einer Renaissance erfreuen und nicht selten bis ins Kitschige zitiert werden, bleibt die Architektur dieser Zeit vor allem in den westdeutschen Städten beliebter Abrisskandidat, gilt gemeinhin als Energiefresser und als nicht erneuerbar. Jüngst fiel in Frankfurt am Main das Technische Rathaus, dessen betonprägende Großstruktur den rekonstruktionswilligen Städtebauern und einer auf heimelige traditionelle Architektur getrimmte Stadtpolitik lange schon ein Dorn im Auge war. In Berlin wird derzeit das von Georg Heinrichs und Hans C. Müller 1967-68 errichtete ehemalige Evangelische Konsistorium mit seiner Aluminiumfassade und Fensterbändern in schwarzen Neoprene-Profilen abgerissen und das anschließend frei werdende Spreegrundstück soll nach dem Willen der lokalen Bezirkspolitik mit einer Blockrandbebauung wieder geschlossen werden. Dass das als Höhendominate errichtete Konsistorium mit dem benachbartem Wohnquartier der Interbau57 korrespondiert, wird bei einer Neuplanung vollständig übersehen. Wie einfallslos! Und wie so oft sind es die gleichen, meist einfältigen Argumente, die herhalten müssen, um die Architektur der 1960er und 1970er Jahren zu diskreditieren. Als hässlich und monströs, rücksichtslos und antiurban wird sie empfunden, sie nehme kaum Bezug auf tradierte Stadtgrundrisse, sei raumgreifend und bedrohe unsensibel die Europäische Stadt -wenngleich die Kritiker nicht erklären können, was sie unter einem europäischen Stadtmodell überhaupt verstehen. Den Haustechnikern und Energieberatern gilt die Nachkriegsmoderne zudem als bau-und klimatechnisch kaum zu erneuern und wenn doch, gelänge dies nur unter Aufgabe der den Gebäuden inhärenten konstitutiven Bestandteile. Wie eine solche energetische Sanierung dann ausschaut, lässt sich erleben, wenn Waschbetonfassaden und Fensterprofile demontiert und durch neue, zentimeterdicke wärmegedämmte und zumeist bunte Putzfassaden und Plastikprofile ersetzt werden. Ein Abriss, so der kritische Betrachter, wäre in vielen Fällen der konsequente Weg gewesen. Dass eine technische Ertüchtigung der Nachkriegsmoderne oft-
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