Steinernes Gedächtnis

Dieter Büchner
2020
Das Städtische Lapidarium in Stuttgart beherbergt zwar sehr viele Objekte, die infolge des Zweiten Weltkriegs dorthin gelangten, gegründet wurde es allerdings bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ab 1899 waren in der Stuttgarter Altstadt zunächst 47 Häuser, darunter das spätgotische alte Rathaus, für den sechs Jahre später fertiggestellten Neubau des Rathauses abgerissen worden. Im Jahr 1905 folgten weitere 87 Häuser im Zuge einer Altstadtsanierung zwecks Errichtung neuer Wohngebäude und
more » ... Wohngebäude und Geschäftshäuser. Ornamentierte Bauteile und baugebundene Skulpturen, die man für erhaltenswert hielt, wurden bei diesen flächendeckenden Abbrüchen geborgen und in den Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerklosters bei der Hospitalkirche überführt (Abb. 1). Eine Dokumentation der Abbrüche oder eine Inventarisation der geborgenen Stücke erfolgte damals allerdings nicht, sodass über die einzelnen Objekte in dieser ersten städtischen Sammlung von Steinwerken keine genaue Kenntnis besteht. Dieses Lapidarium hatte auch nur wenige Jahrzehnte Bestand, da der Kreuzgang bei der Hospitalkirche durch einen schweren Luftangriff im Sep-81 1 Kreuzgang bei der Hospitalkirche, Lithografie aus dem Jahr 1900. Steinernes Gedächtnis Das Lapidarium der Stadt Stuttgart 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind in deutschen Städten kaum noch Kriegsschäden zu sehen. Die wenigen verbliebenen Ruinen wie die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder die Kölner Kirche St. Alban wurden bewusst als Mahnmale erhalten. In vielen weiteren Städten wird diese Funktion von Trümmerbergen erfüllt, die man aus den Überresten von im Krieg zerstörten Gebäuden aufhäufte. Wegen ihrer schönen Aussicht dienen solche Schuttberge heute oft auch als Ausflugsziele. In wohl keiner anderen deutschen Stadt gehen ästhetisches Vergnügen und ernstes Gedenken aber eine so innige Verbindung ein wie in Stuttgart. Hier kann man nicht nur den Ausblick vom Trümmerberg "Monte Scherbelino" auf dem Birkenkopf genießen, sondern auch im stimmungsvollen historischen Garten der ehemaligen Villa Ostertag-Siegle in der Mörikestraße lustwandeln und dabei Skulpturen und Bauteile betrachten, die aus dem Kriegsschutt Stuttgarts geborgen wurden.
doi:10.11588/nbdpfbw.2020.2.73374 fatcat:oc6rmydzsnecljnr4zrfezvxmy