Geschriebene Bilder-Kunsthistorische Vorläufer der lingualisierten Concept-Art

Swen Stein, Geschriebene Bilder, Swen Stein
2008 unpublished
Es ist die strukturelle Verschiedenheit von Bild und Schrift, die sich in einer quasi-evolutionären Entwick-lung herausgebildet hat und uns nun vor das problema-tische Phänomen ihrer möglichen Kombination stellt, die etwas verknüpft, was eine scheinbar grundsätzlich andersartige Beziehung zur Wirklichkeit unterhält. Führt man sich vor Augen, welch langwierige und äußerst komplexe Prozesse von ursprünglich ideographischen Schriftsystemen zu unserem alphabetischen Schrift-system geführt haben-ein
more » ... m geführt haben-ein Prozess, der anhält und Richtungswechsel vollzieht-wird deutlich, warum die Beziehungen von Schrift und Bild immer wieder thema-tisiert und problematisiert werden. 1 "Für den Ostasiaten macht es bis heute weder technisch noch formal einen entscheidenden Unterschied aus, ob er z. B. 'Bambus' malt oder schreibt" 2 , da seine Schriftzeichen eine Sym-bolbeziehung qua Mimesis herstellen, doch auch unse-rer alphabetischen Schriftsprache kann eine gewisse "Abbildbeziehung" 3 zur Wirklichkeit unterstellt werden, die vollzogen wird, indem die Struktur der Sprache die Struktur der Welt nachahmt. Eine Theorie, die Witt-gensteins Tractatus logoco-philosophicus zugrunde liegt und großen Einfluss auf die Sprachreflexion des 20.Jahrhunderts gehabt hat. Für die Concept-Art ist dies wesentlich, da die verschiedenen Möglichkeiten der Sprache, "abzubilden" und in Beziehung zu Bild und Welt zu treten, in dieser durchgespielt und aufge-zeigt werden. Wie stand es um dieses Verhältnis in der Vergangenheit? Am deutlichsten zeigen lässt sich dies in der Moderne an den Beispielen des Kubismus und Futurismus, die Schriftelemente aus ihren genuinen Kontexten in die Kunst überführt haben. 1. Schrift im Kubismus und Futurismus 1988 wurde während eines Symposiums 4 , welches sich das Text/Bild-Verhältnis in der Kunst zum Thema genommen hatte, versucht, sämtliche Varianten mögli-cher Kombinationen von Schrift und Bild zu dokumen-tieren und zu diskutieren. Berücksichtigt wurden dabei ebenso Hieroglyphen und Embleme wie auch Flug-blätter, Illustrierte Hausbücher und visuelle Poesie. So ambitioniert und bedingt notwendig dieses Projekt auch war, könnte doch ein Kompendium solcher Art die irrige Folgerung zulassen, es gäbe eine Kontinuität der Ent-wicklung und einen gemeinsamen Nenner, der Comics gleichsam mit Plakatkunst und Emblemen verbände, und der in der gemeinsamen Verwendung von Bild und Schrift läge. Dieser, wie auch anderen Veröffentlichun-gen, liegt die Annahme zugrunde, es handle sich dabei lediglich um eine Verknüpfung zweier Medien, um die spezifischen Mängel auszugleichen und in der wechsel-seitigen Ergänzung den Informationsgehalt zu optimie-ren. Lässt sich dies für Illustrationen, Plakatkunst oder Embleme noch bedingt behaupten, greift diese These zur Erklärung "lingualisierter" Werke der Concept-Art überhaupt nicht mehr. Wolfgang Max Faust zeigt drei Formen der Lingualisie-rung auf, die gleichzeitig Stationen auf dem Weg zur Concept-Art sind: 1. Sprache wird in das Kunstwerk integriert, sie wird zum Medium der bildenden Kunst. 2. Sprache geht einher mit dem Kunstwerk, sie wird zu seinem komplementären Kommentar. 3. Sprache tritt an die Stelle des Kunstwerks, sie hebt das Werk als Artefactum auf. 5 Wir unterscheiden also zunächst jene Wort-Bild-Kombi-nationen in der Kunstgeschichte, in denen das Bild den Text illustriert, bzw. der Text das Bild beschreibt, beru-hend auf der Annahme "Wort-Sprache [...] sei geeignet, Bildsprache zu präzisieren" 6 , von den Wort-Bild-Kom-binationen, die auf eine Reflexion der Medien abzielen. Dies geschah in ersten Ansätzen zu Beginn des 20.Jahr-hunderts, nicht zuletzt angeregt durch Saussures post-hum veröffentlichte Vorlesungen Cours de linguistique générale. 7 "Schon kurz vor der Jahrhundertwende bezieht Sté-phane Mallarmé in seinem berühmt gewordenen 'Un coup de Dés' die visuelle Erscheinung der Sprache als Schrift-sowohl hinsichtlich der typographischen Setzungen wie auch der durch diese bestimmten Leer-räume des beschriebenen Blattes-in seine Lyrik mit ein. [...] Für die Kunst des 20.Jhs. schafft Mallarmé
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